Kartoffelrevolution

21.—23. April 1847 – Selbsthilfeaktion Berliner Werktätiger gegen die nach der Mißernte von 1846 und mit der Wirtschaftskrise von 1847 um das Ein- bis Fünffache gestiegenen Preise für Lebensmittel, besonders für Brot und Kartoffeln.
1846 wurden in Preußen 47 Prozent weniger Kartoffeln und 41 Prozent weniger Korn als sonst üblich geerntet. Folglich werden für 1 Metze Kartoffeln (ca. 2-2,5kg), die gewöhnlich 1 Groschen kostet, im März 1847 bereits 3 und im April sogar 4 Groschen verlangt.
Die Roggenpreise steigen von 1845 bis 1847 über 80 Prozent. Zu den Preissteigerungen gesellen sich Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und eine Wirtschaftskrise im Textilgewerbe, aus dem ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung Berlins seinen Unterhalt bezieht. Und schließlich kommt noch ein anhaltender Winter mit viel Schnee und Kälte hinzu.
Not und Elend der werktätigen Massen erreichen nicht gekannte Ausmaße.
Der Magistrat errichtet für besonders Bedürftige öffentliche Suppenküchen, läßt täglich 6000 Brotmarken ausgeben.
Die Hospitäler, das Arbeitshaus, die Gefängnisse sind überfällt, die Bettelei ist trotz aller Verbote und Festnahmen nicht mehr zu unterbinden.
Mitte April steigt auf den Berliner Märkten der Kartoffelpreis pro Metze auf fünf Groschen.

Als am 21. April auf dem Molkenmarkt und auf dem Gendarmenmarkt sogar sechs Groschen verlangt werden und einige Händler im Vertrauen auf die sie schützende Marktpolizei die Käufer noch verspotten, läuft das längst volle Maß über. Ausgehungerte wütende Frauen stürzen sich auf die Stände, schneiden die Kartoffelsäcke auf und bemächtigen sich der so dringend notwendigen Nahrungsmittel.
Schnell greift die Aktion auf andere Märkte — am Dönhoffplatz, am Rosenthaler Platz und am Oranienburger Tor — über und richtet sich auch gegen Bäcker- und Fleischerläden. Am Nachmittag nimmt der Menschenauflauf noch zu. Polizei- und Militärpatrouillen, die zu Hilfe geholt werden, sind machtlos. Erst gegen 23 Uhr kann die erregte Menge von Kavallerie, die mit Säbeln brutal auf die Menschen einschlågt und viele verwundet, auseinandergetrieben werden. Tags darauf strömen Massen Hungernder, vor allem aus den Vorstädten, ins Stadtzentrum, durchziehen den ganzen Tag die Straßen, besetzen die Märkte und stürmen die Läden einiger als besonders gewinnsüchtig bekannter Bäcker, Fleischer und Lebensmittelhåndler. (1-Roland Bauer)

Mit der Plünderung auf den Märkten war der Lärm nicht beendet, er begann vielmehr erst damit. Die Arbeiter rotteten sich zusammen.
Eine wilde Schar, welche zum großen Teil aus Weibern bestand, zog durch die Straßen, um die Bäcker- und Fleischerläden zu plündern. Sie verband sich mit den vor bitteren Hunger zum Verbrechen Getriebenen, und wo diese nur Brot und Fleisch für die Kinder daheim raubten,
stürmten jene die Konditor- und Zigarrenläden. Geld war ihnen lieber als Ware, sie erbrachen die Ladenkasssen in einzelnen Geschäften. Erst spät am Abend gelang es der Polizei, die Ruhe wieder herzustellen. Schon früh am Morgen des 22. April wiederholten sich die Straßenskandale in verstärktem Maße. Aus den Vorstädten zogen singend und jubelnd große Massen nach dem Alexanderplatz, wo Markt abgehalten werden sollte. (…) Der Polizeipräsident und die städtischen Behörden hatten Bekanntmachungen erlassen, in welchen sie das Volk von Berlin zur Aufrechterhaltung der Gesetze aufforderten und darauf hinwiesen, daß die Gewalttaten nur dazu dienen könnten, die Verkäufer von den Märkten fern zu halten und dadurch die Preise zu erhöhen. Alle solche Ermahnungen aber waren fruchtlos. Auf dem Alexanderplatze wiederholten sich die Scenen des gestrigen Tages. Der Aufruhr gewann sogar einen so gefährlichen Charakter, daß die Ladenbesitzer in vielen benachbarten Straßen die Geschäfte schlossen und die Türen verrammelten, um sich vor Überfällen zu sichern. Den Bäckern nutzte dies nichts, denn ihre Läden wurden trotzdem erstürmt, auch einige andere Geschäfte wurden geplündert. Der Tumult gewann eine solche Ausdehnung, daß Militär einschreiten und die Königsstraße sperren mußte.
Während dies aber hier geschah, wurden in anderen Stadtgegenden die Läden ungestört geplündert. (2 – Zeitzeuge Adolf Streckfuss)

Am 21. April 1847 reichte dann ein geringfügiger Anlaß, nämlich überteuerte „Kartoffeln, die noch dazu klein wie Nüsse waren“ und von einer Bauersfrau auf dem Wochenmarkt auf dem Belle-Alliance-Platz angeboten wurden, um die angestaute Wut zum Ausbruch kommen zu lassen. „Mehrere Weiber“ fielen über die Bäuerin, die zusätzlich durch „derbe Antworten“ provoziert hatte, „her und prügelten sie durch“. Die wütenden Frauen „zerschnitten Säcke mit Kartoffeln“ und bemächtigten sich derselben“. Dieser Markttumult, durch den die ,Kartoffelrevolution‘ ihren Namen erhielt, weitete sich rasch zu einer alle Berliner Stadtteile erfassenden Hungerrevolte aus. Die Hungerrevolte, die eigentlich keine .Kartoffel-, sondern eine Brotrevolution war, weil sie sich in erster Linie gegen Bäckerläden richtete, ging von den Vorstädten aus, in denen die Unterschichten lebten. Jubelnd und singend“ zogen „große Massen zerlumpten Gesindels“ von dort in das Zentrum der Stadt. Im Verlaufe der Excesse beschränkte sich der ,Pöbel‘ nicht mehr nur auf Angriffe auf Bäcker- und Fleischerläden oder Marktstände. Zunehmend gerieten Lokalitäten und Statussymbole der wohlhabenden Berliner Bürger ins Visier, „weil ihr Luxus Erbitterung erregte“. Die Konditoreien Kranzier und Spargnapani sowie mehrere renommierte Hotels wurden angegriffen, die Fensterscheiben des Opernhauses sowie einiger Kirchen zerschlagen. Da außerdem einige Fenster des Palais des Prinzen von Preußen eingeworfen wurden, glaubten manche Zeitgenossen (wohl zu Unrecht), es habe sich auch um „eine Demonstration“ gegen den designierten Thronfolger gehandelt, „da der Prinz […] allgemein als Haupthindernis einer freien Verfassung gilt.“ Am Abend des 21. April wurden außerdem vor dem Schauspielhaus mehrere vornehme Kutschen angehalten und die darin Sitzenden „unter dem Hohngelächter der Menge“ zum Aussteigen gezwungen. Die geringe Achtung vor höhergestellten Personen sollte allerds nicht mit grundsätzlicher Kritik am politischen System verwechselt werden. Indessen war bereits erkennbar, was 1848 eines der Kennzeichen der Revolution werden sollte: die Respektlosigkeit der Berliner Unterschichten vor vornehmen Leuten. 1847 blieb es freilich bei einem folgenlosen, vorpolitischen Protest. Zwar schrieen die am 22. April zum Alexanderplatz strömenden Menschenmassen Arbeitern, die ihnen begegneten, zu: „Wir wollen nach der Revolution!“ Der Begriff Revolution war jedoch nur ein Synonym für politisch noch diffuse Unzufriedenheit und als eine Art Kraftausdruck gedacht, mit dem man konkreten Forderungen mehr Nachdruck zu verschaffen gedachte. An einen Sturz der Hohenzollernmonarchie dachte niemand. Die Ordnungskräfte wurden von den Ereignissen vollkommen überrascht (obwohl es in Europa im Frühjahr 1847 überall zu ähnlichen Hungerrevolten kam). Die Berliner Gendarmen waren dem Ansturm nicht gewachsen; Militär wurde erst nach eineinhalb Tagen, am 22. April abends, zur Unterdrückung der Rebellion herangezogen. Daß insbesondere die herbeigerufene Kavallerie auf die Tumultanten scharf einhieb, mag zwar der raschen Wiederherstellung von „Ruhe und Ordnung“ in der Stadt gedient haben. Es verstärkte jedoch zugleich das Mißtrauen in den Unterschichten gegenüber dem Auftreten von Militärs sowie die gegenseitige Reizbarkeit. Erneuten „Mißverständnissen“, wie sie dann am 18. März 1848 entstehen sollten, war ein fruchtbarer Boden bereitet. Zugleich entwickelten sowohl das verängstigte Berliner Bürgertum als auch die alten Gewalten erste Pläne, wie man derartiger „Übergriffe auf das Eigentum“ für die Zukunft wirkungsvoller Herr werden könnte. Mit der Gründung der „Schutz- Kommissionen“ am 15. März und der Bürgerwehr am 19. März 1848 nahm man bereits während der Kartoffelrevolution diskutierte Ordnungskonzepte, die ihrerseits wiederum auf älteren Vorbildern fußten, dann erneut und erfolgreicher auf. (3 – Rüdiger Hachtmann)


Dreyse-Zündnadelgewehr

Seit ihrem ersten Auftauchen im 14. Jahrhundert werden Feuerwaffen von der Mündung aus geladen.
Das Standardprogramm endloser Drills seit Moritz von Oranien: Umdrehen des Laufs, Abbeißen der Pulverpatrone, Einfüllen des Pulvers in die Mündung, Eintreiben des Geschosses mit dem Ladestock, waagrecht Stellen des Gewehrs, Zündkraut Aufschütten, Spannen, usw.. Gewehre von hinten zu laden, wie sie über Pauly zu Dreyse geraten, revolutionieren diese operative Matrix infanteristischer Disziplinarordnung. [1 – Peter Berz, S. 214]

Dreyse-Zündnadelgewehr

Das Zündnadelgewehr wurde von einem Zivilisten, Herrn Dreyse aus Sömmerda in Preußen, erfunden. Nachdem er zuerst die Methode entwickelt hatte, eine Schußwaffe durch eine plötzlich in die in der Patrone enthaltene Explosivmasse eindringende Nadel abzufeuern, vollendete er seine Erfindung schon 1835, indem er einen Hinterlader konstruierte, der mit diesem nadelzündenden Mechanismus versehen war. Die preußische Regierung kaufte sofort dieses Geheimnis auf und bewahrte es erfolgreich, bis es 1848 publik wurde. (…)
Die Patrone enthält Kugel, Pulver sowie die Explosivmischung und wird ungeöffnet in die Kammer gebracht, die etwas größer ist als der gezogene Lauf. Eine einfache Handbewegung schließt den Verschluß und spannt zugleich die Schußwaffe. Es gibt jedoch keinen Hahn an der Außenseite. Hinter der Ladung, in einem hohlen, eisernen Zylinder, liegt eine starke, spitze Stahlnadel, die durch eine Spiralfeder in Bewegung gesetzt wird. Das Spannen der Waffe besteht lediglich darin, diese Feder zurückzuziehen, zusammenzupressen und festzuhalten. Wenn am Abzug gezogen wird, setzt er diese Feder frei, die sofort vorwärtsschnellt, auf die Patrone aufschlägt und augenblicklich die Explosivmischung entzündet; dadurch wird die Ladung abgefeuert. So besteht das Laden und feuern mit dieser Waffe nur aus fünf Bewegungen: Verschluß öffnen, Patrone hineinstecken, Verschluß schließen, die Waffe in Anschlag bringen und Feuern. Kein Wunder, daß mit einer solchen Waffe fünf wohlgezielte Schüsse in einer Minute abgegeben werden können. [2 – Friedrich Engels]

Kurz nach seinem Regierungsantritt, am 4. Dezember 1840 erteilt Friedrich Wilhelm IV. der Firma Dreyse den Auftrag, innerhalb von sieben Jahren 60 000 Zündnadelgewehre und je 500 Patronen zu liefern. Vorausgegangen war die letzte einer langen Serie von Truppenerprobungen und Vergleichs schießen mit nicht weniger als 1,5 Millionen Testschüssen.
Der Auftrag von 1840, Patente und Beziehungen zur preußischen Militärverwaltung machen Nicolaus Dreyse zum ersten Waffenmonopolisten Preußens. Die wichtigste Grundlage seiner Monopolstellung: Die neue Waffe soll, ganz gegen die zu dieser Zeit übliche internationale Zirkulation militärtechnischen Wissens, eine Geheimwaffe sein. (…)
Die ersten 45 000 Gewehre und 22 Millionen Patronen, die bis 1847 aus Sömmerda geliefert sind, werden noch nicht an die Truppen ausgegeben, sondern lagern in Zeughäusern. Im April 1848, einen Monat nach der März-Revolution und dem Rückzug des Militärs aus Berlin, sollen einige Regimenter mit den neuen Waffen ausgestattet werden. Da wird aus besonderen Gründen das Geheimnis publik. Beim Sturm aufs Berliner Zeughaus am 14. Juni 1848 entwendet der Pöbel 1000 Exemplare des Wunders. Die praktische Volksbewaffung hat nur einen kleinen Fehler: Der noch geheimere Kern des Systems, Dreyses sogenannte Einheitspatrone, lagert zur Sicherheit zwei Kilometer entfernt im Artillerielaboratorium vor dem Oranienburger Tor.
Die ersten Einsätze der Waffe, transportiert auf einem neuen Schienennetz, ausgelöst durch elektrisch telegraphierte Befehle, finden in den folgenden Monaten gegen Barrikaden in Dresden, Schleswig und Baden statt. [1 – Peter Berz]

siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Dreyse-Z%C3%BCndnadelgewehr

CHOLERA-EPIDEMIE in Berlin im Jahre 1866

Bei der CHOLERA-EPIDEMIE in Berlin im Jahre 1866 erkrankten über 8000 Menschen, von denen 5457 starben.
Besonders betroffen war die Tempelhofer Vorstadt wie dem amtlichen Bericht zu entnehmen ist.

Auszüge aus dem Bericht (die alte Schreibweise wurde beibehalten):

Am härtesten wurde das 31. Revier betroffen, das den südlichsten Theil der Stadt einnimmt, in seiner ganzen Ausdehnung von dem Schifffahrtskanale begrenzt wird und größtentheils tief belegenen, stellenweise feuchten Erdboden hat, der da, wo Strassen angelegt sind, durch Aufschüttung erhöht ist. Nur ein geringer Theil des Reviers hat eine ältere Bebauung, ein grosser Theil, der bis dahin Ackerland war, ist erst in den letzten Jahren angebaut und noch im Anbau begriffen; ein anderer grosser Theil des Reviers besteht aus Ackerland und Kirchhöfen; von den letzteren liegen die älteren, aber auch jetzt noch im Gebrauch befindlichen rings um von angebauten Strassen umgeben.

Die Pflasterung und Kanalisirung der neu angebauten Strassen ist noch mangelhaft. In den Schifffahrtskanal münden viele Strassenkanäle. Die Bevölkerung ist, wenn sie auch in neuen Häusern von gutem Äusseren wohnt, doch grösstentheils den ärmeren Ständen angehörig; die Wohnungen der letzteren sind beschränkt. Wegen der mangelhaften Entwässerung finden sich, zur Aufnahme der flüssigen Abgänge auf vielen Höfen Senkgruben. Den Zustand der letzteren, so wie der Abtritte, Mistgruben, Kloaken und Rinnsteine schildert der Bericht der Revier-Sanitäts-Commission als äusserst unbefriedigend und den Boden vielfach vou schädlichen Stoffen imprägnirt. Da es dem Revier grösstentheils noch an Wasserleitung fehlt und die meisten, neu erbauten Hauser mit den für die Wasserleitung bestimmten Röhren versehen sind, so werden die Ausgüsse von den Bewohnern solcher Hauser nicht selten ohne jede Spülung benutzt.

Ein bestimmter Gang der Epidemie hat sich nach dem Berichte der Commission nicht nachweisen lassen, die Krankheit trat bald hier, bald dort auf, befiel in den meisten Hausern ohne nachweisbare Ursache eine Anzahl von Personen, verschonte daneben stehende, anscheinend denselben Verhältnissen ausgesetzte Häuser, liess in manchen Fallen auf Uebertragung schliessen, befiel aber auch Personen, die mit Kranken in keine Berührung gekommen waren. (…)

Das diese Bezirke umfassende Terrain ist erst in den letzten Jahren bebaut und bestand früher zum Theil aus feuchtem, niedrig belegenem Ackerland, durch die Anlage des Schifffahrtskanals ist diese Gegend allmählig immer mehr ausgetrocknet. Uebrigens muss bemerkt werden, dass die Epidemie nicht unmittelbar an dem Kanal, sondern vorzugsweise in Strassen und Häusern, die weiter von dem Kanale entfernt sind, sich festgesetzt hatte.

Die genaue Untersuchung solcher Krankheitsheerde liess häufig keine besonderen Schädlichkeiten wahrnehmen, am wenigsten aber den Nachweis führen, warum gerade diese Häuser vorzugsweise betroffen und andere, in jeder Beziehung ihnen ähnliche, benachbarte Hauser verschont waren.
Dennoch ist es für die Erforschung der Ursachen der Epidemie yon der grössten Wichtigkeit, von den Eigenthümlichkeiten der Orte, an welchen die Krankheit vorzugsweise ihren Sitz aufgeschlagen hat, möglichst genaue Kenntniss zu nehmen. Diess hat die Sanitits-Commission veranlasst, von den Physikern über die örtliche Beschaffenheit der theils in dem 31. Revier, theils in den übrigen Revieren wegen der grösseren Zahl vorgekommener Erkrankungen als Choleraheerde bezeichneten Häuser besonderen Bericht zu verlangen,

Diese Berichte, welche auf mehr als 100 Häuser sich beziehen und bei Besprechung der einzelnen Polizei-Reviere mitgetheilt werden, folgen hier zunächst für das 31. Polizei-Revier, und werden in gleicher Weise bei Besprechung der übrigen Reviere mitgetheilt werden.

Baruther Str. 8. Die Strasse ist nur an einer Seite bebaut und wird unreinlich gehalten, da sie von den Hauseigenthümern gereinigt werden muss, Die Nordseite bildet der Jerusalemer Kirchhof. — Auf dem Felde, an welches die Baruther Strasse mündet, wird Strassenkoth abgeladen; zu demselben Zwecke wurde früher vielfach das Terrain benutzt, auf welchem jetzt die Häuser der Baruther Strasse erbaut sind. Der vorhandene Strassenrinnstein hat, da er meist von Abgingen verstopft ist, schlechten Abfluss. Das Haus, auf sandigem Boden gebaut, ist 1864 bezogen worden, hat einen unterkellerten geräumigen und luftigen Hof mit einem Seitenflügel; keine Wasserleitung und keine Closets. Es ist ein Ausguss für das Wirthschaftswasser vorhanden. Die Entwässerung geschieht mittelst Zungenrinnstein nach dem Strassenrinnstein. Eine Senkgrube für die festen Abgänge ist nicht vorhanden, Von der gewöhnlichen Abtrittsgrube, die häufig geräumt wird, 26′ entfernt, liegt der Brunnen, der helles gutes Trinkwasser liefert. Im Hause wohnen 22 Familien von Arbeitern und Handwerkern, welche zwischen 40 und 180 Thlrn. Miethe zahlen und das Haus im Ganzen ziemlich reinlich halten.

Belle Alliance-Str. 88. Die Strasse ist sehr breit und durch einen unterirdischen Kanal mit dem Schifffahrts-Kanale in Verbindung. Vor dem Hause liegt eine Senkgrube. Das Haus ist 1859 bezogen, hat einen grossen luftigen Hof mit Seitepflügel und Quergebäude, keine Wasserleitung, keine Closets, sondern die gewöhnliche Abtrittsgrube. Die Entwässerung geschieht mittelst Zungenrinnstein ohne Schlammkasten nach dem Kanale. Der 20 Fuss vom Abtritt entfernte Brunnen giebt sehr gutes Trinkwasser, 33 Miether aus der arbeitenden Klasse zahlen 60—200 Thlr. Miethe. Das Haus wird sehr reinlich gehalten.

Gneisenau-Str. 4. Die Gneisenau-Strasse ist sehr breit, mit unterirdischem Kanal versehen und bis jetzt nur vor den Hausern No. 1—3 gepflastert. Die fernere Pflasterung ist in Angriff genommen. Das Haus No. 4 ist 1863 bezogen, hat einen grossen unterkellerten Hof, Seitenflügel und Quergebäude, Einrichtung zu Wasserleitung, von der, da Wasserzufluss nicht vorhanden ist, nur der Ausguss benutzt wird, und keine Waterclosets, sondern die gewöhnliche Abtrittsgrube. Die Entwässerung geschieht nach dem unterirdischen Kanale und ist der vorschriftsmässige Schlammkasten vorhanden. Der Brunnen steht 10—12 Fuss von der Abtrittsgrube entfernt und gibt ein helles, gutes, etwas hartes Trinkwasser. 25 Miether, meist aus dem Handwerker- und Arbeiterstande, zahlen 50—200 Thaler Miethe; in den einzelnen Wohnungen wohnen viele Personen bei einander. Das Haus wird im Ganzen reinlich gehalten und für häufige Reinigung der Gruben gesorgt.

Gneisenau-Str. 8. Das Haus ist 1864 hezogen, hat einen kleinen, rings umbauten Hof, keine Einrichtung zu Wasserleitung und keine Closets, sondern die gewohnliche Abtrittsgrube, von welcher 16—20 Fuss entfernt der Brunnen liegt, der ein sehr schlechtes, übel riechendes Trinkwasser liefert. Die Entwässerung geschieht durch eine Senkgrube. Sechsundzwanzig Miether aus dem Arbeiterstande zahlen 50—200 Thaler Miethe und halten das Haus sehr unsauber. Auch der Abtritt ist unsauber und wird selten gereinigt.

Hagelsberger Str. Franke’sches Haus. Die Hagelsberger Strasse ist noch nicht gepflastert und hat ein so unebenes Niveau, dass bei starkem Regen die Feuerwehr requirirt werden muss, um dem Wasser einen Abfluss nach der Belle Alliance-Strasse zu verschaffen. Ein schmutziger Rinnstein führt Abgänge und Tageswasser nach dem in der letztgenannten Strasse belegenen unterirdischen Kanal. Das Haus ist 1865 bezogen und hat einen kleinen, sehr schmutzigen Hof mit einem Quergebäude. Alle Wirthschaftsabgänge bleiben auf diesem Hofe, da in keiner Weise für Entwässerung gesorgt ist und selbst eine Senkgrube fehlt. Selbstverständlich ist Wasserleitung nicht vorhanden. Der etwa 10 Fuss von der gewöhnlichen Abtrittsgrube entfernte Brunnen gibt schlechtes Wasser. 10 Miether (Arbeiter) zahlen zwischen 40 und 120 Thir. Miethe. Dieselben sind sehr unreinlich. Auch der Abtritt ist sehr unsauber und die Grube wird selten entleert.

Hagelsberger Str. (Strass’sches Haus). Das Haus ist 1863 bezogen und hat einen grossen, luftigen, aber sehr schmutzigen Hof. Wasserleitung ist nicht vorhanden, wohl aber eine Senkgrube, in welcher sich die Wirthschaftsabgänge (flüssige wie feste) sammeln. Von der gewöhnlichen Abtrittsgrube 12‘ entfernt steht der Brunnen, der ein schlechtes Trinkwasser liefert. 10 Familien von Arbeitern geben 40—120 Thir. Miethe und halten das Haus im Ganzen reinlich. Die Abtrittsgrube wird nicht regelmässig, sondern nach Bedürfniss geleert.

Nostizstr. 15. Das Haus ist 1865 bezogen und hat einen grossen, luftigen Hof mit einem Seitenflügel. Wasserleitung ist nicht vorhanden. Die Entwässerung geschieht mittelst Zungen- Rinnstein, und ist ein Schlammkasten für festere Abgänge vorhanden. Der Brunnen ist 40′ vom Abtritt entfernt und gibt ein helles, gutes Trinkwasser. 20 Miether (Arbeiter) zahlen zwischen 40 und 100 Thlr. Miethe. Sie halten das Haus recht ordentlich und wird die Abtrittsgrube regel mässig geräumt.

Plan -Ufer 9. Das Plan-Ufer ist jetzt mit einem unterirdischen Kanal versehen, nach welchem hin die Häuser entwässert werden. Ausserdem sind Strassenrinnsteine und in den Häusern Senkgruben für festere Abgänge vorhanden. Die Häuser haben die Einrichtung zu Wasserleitung; es kann aber nur der Ausguss benutzt werden, da die englische Wasserleitung nicht bis über den Kanal geht. Es sind daher auch keine Waterclosets, sondern gewöhnliche Abtrittsgruben angelegt. Das Haus No. 9 ist 1865 bezogen, hat einen luftigen Hof mit einem Seitenflügel, gutes Trinkwasser aus einem etwa 15′ von dem Abtritt entfernten Brunnen, und wird von 22 Miethern aus dem Handwerkerstande bewohnt, die zwischen 50 und 250 Thlr. Miethe geben. Es herrscht im Hause Unsauberkeit und wird die Abtrittsgrube unregelmässig gereinigt.

Plan -Ufer 2. Das Haus ist seit 1863 bezogen, hat einen grossen, luftigen, zum Theil unbekellerten Hof, einen 30 Fuss vom Abtritt belegenen Brunnen; der ein weissliches, etwas trübes Trinkwasser liefert, und wird von 16 Miethern, meist aus den besseren Ständen, bewohnt, die 50 bis 400 Thlr. Miethe geben. Der Abtritt ist sehr unsauber und wird nur jährlich 3 mal geräumt.

Plan -Ufer 10. Das Haus Nr. 10 ist 1864 bezogen, hat einen grossen, unterkellerten Hof mit 2 Seitenflügeln, einen 25 Fuss von der Abtrittsgrube entfernten Brunnen, der gutes Trinkwasser liefert, und wird von 16, den besseren Ständen angehörenden Miethern (für 80 bis 200 Thlr. Miethe) bewohnt, die das Haus reinlich halten.

[Die Obentrautstraße, ältere Name der Straße war Teltower Straße (1862-1936)]

Teltower Str. 9. Die Strasse ist breit, hat einen guten Untergrund und wird durch gut fliessende Rinnsteine entwässert. Da die englische Wasserleitung nicht über den Kanal geht, besitzen zwar die meisten Häuser die Einrichtung zu Wasserleitung, können aber nur den Ausguss benutzen, da sehr wenige künstliche Wasserleitung besitzen. Das Haus, mit einem Seitenflügel und Quergebäude, ist theils alt, theils neu, hat einen grossen, ungepflasterten und schmutzig gehaltenen Hof, die gewöhnliche Abtrittsgrube und wird mittelst Zungenrinnstein und Schlammkasten nach dem Strassenrinnstein entwässert. Der etwa 40 Fuss vom Abtritt entfernte Brunnen hat gutes Trinkwasser. 45 Miether, aus dem Arbeiter- und Handwerksstande geben zwischen 30 und 150 Thlr. Miethe. Das Haus ist höchst unsauber, und wird die unreinliche Abtrittsgrube unregelmässig geräumt. In diesem Hause befindet sich keine Einrichtung zu Wasserleitung.

Teltower Str. 23. Das 1852 bezogene Haus hat einen grossen, geräumigen Hof mit einem Quergebäude und der gewöhnlichen Abtrittsgrube; es wird entwässert mittelst Zungenrinnstein und Schlammkasten nach dem Strassenrinnstein. Der vom Abtritt etwa 20 Fuss entfernte Brunnen gibt gutes Trinkwasser. Der Abtritt wird sehr reinlich gehalten und die Grube regelmässig ent leert. 32 Miether aus dem Arbeiterstande geben 50 bis 120 Thlr. Miethe und halten das Haus recht sauber.

Teltower Str. 24. Das 1858 bezogene Haus hat einen grossen Hof mit einem Seitenflügel und Quergebäude. Es wird von 24 Miethern (Arbeitern und kleinen Beamten) bewohnt, die zwischen 50 und 120 Thlr. Miethe zahlen und deren Reinlichkeit viel zu wünschen übrig lässt.

Teltower Str. 47. Das Haus ist ein altes, ohne Anlage zu Wasserleitung, hat einen grossen, unreinlich gehaltenen Hof mit einem Seitenflügel und Quergebäude und wird von 26 Miethern aus dem Arbeiter- und kleinen Beamtenstande bewohnt, die zwischen 60 und 180 Thlr Miethe zahlen und auf Ordnung sehen. Der Abtritt ist reinlich gehalten und wird die Grube regelmässig geräumt.

Teltower Str. 51. Das Haus ist 1860 bezogen und hat einen grossen, freien, reinlich ge haltenen Hof. Es wird von 12 sehr ordentlichen und reinlichen Arbeiterfamilien bewohnt, die 60 bis 130 Thlr. Miethe zahlen. Der Abtritt ist sauber und wird regelmässig gereinigt.

Teltower Str. 52. Das seit 1860 bezogene Haus hat einen grossen, freien Hof mit einem Seitenflügel, der sehr schmutzig gehalten wird, und ist Wasserleitung in demselben nicht vorhanden. 18 Handwerkerfamilien zahlen zwischen 80 und 120 Thlr. Miethe. Sie halten das Haus unreinlich. Im Seitenflügel ist ein Schlachthaus für Federvieh, in welchem es sehr schmutzig aussieht. Auch der Abtritt ist unreinlich gehalten und wird die gewöhnliche Abtrittsgrube nach Bedürfniss entleert.

Teltower Str. 55b. Das 1865 bezogene Haus hat einen langen, zum Theil unterkellerten Hof mit einem Seitenflügel und Quergebäude. Es besitzt künstliche Wasserleitung, aber keine Closets, sondern die gewöhnliche Abtrittsgrube. 24 Miether, meist Arbeiter und Handwerker, zahlen zwischen 80 und 120 Thlr. Miethe und sind ordnungsliebend. Der Abtritt ist reinlich und wird die Grube regelmässig entleert.

Teltower Str. 60. Das seit 1865 bezogene Haus hat einen grossen unterkellerten Hof mit zwei Seitenflügeln und einem Quergebäude. Der Brunnen liegt 50 Fuss vom Abtritt entfernt und gibt ein gutes Trinkwasser. 22 Miether (meist Handwerker) zahlen zwischen 50 und 150 Thlr. und halten das Haus reinlich. Auch der Abtritt ist sauber gehalten.

Yorkstr. 6. Die Yorkstr, hat einen sumpfigen Untergrund (ein Theil des früheren Upstalls), ist ungepflastert, nur auf der Nordseite bebaut und ohne Rinnsteine. Das Haus ist seit 1866 bezogen, hat einen geräumigen, luftigen Hof, der unterkellert ist, mit einem Seitenflügel und einem kleinen Garten, nach welchem hin die Entwässerung des Hauses geschieht. Es ist zwar die Anlage zu Wasserleitung vorhanden, aber nur der Ausguss kann be nutzt werden, weil die englischen Zuflussröhren über den Kanal nicht fortgeführt sind und eine Einrichtung, um Wasser künstlich bis in die oberen Stockwerke zu leiten (durch Pumpwerk) nicht vorhanden ist. Es ist die gewöhnliche Abtrittsgrube vorhanden, von welcher 30 Fuss entfernt der Brunnen liegt, der klares, gutes Wasser liefert. 20 Miether aus dem Arbeiterstande zahlen zwischen 50 und- 150 Thlr. Miethe. Das Haus ist sehr unreinlich, und wird die Abtrittsgrube nur entleert, wenn sie gefüllt ist.

Yorkstr. 7. Das Haus ist 1865 bezogen, hat einen grossen, luftigen Hof (mit einem Seiten flügel), der unterkellert ist, und die gewöhnliche Abtrittsgrube, von welcher 30 Fuss entfernt der Brunnen liegt, der ein trübes, schlechtes Wasser liefert. Die Entwässerung geschieht mittelst Zungenrinnstein in eine vor dem Hause befindliche Senkgrube. Eine kleinere, im Hofe, für die festen Abgänge ist vorhanden. 25 Miether (Arbeiter und Handwerker) zahlen zwischen 30 und 240 Thlr. Miethe. Das Haus wird ziemlich reinlich gehalten und die Abtrittsgrube alle drei Monate geleert.

AUS:
DIE CHOLERA-EPIDEMIE ZU BERLIN IM JAHRE 1866. AMTLICHER BERICHT ERSTATTET IM AUFTRAGE DER KÖMGLICHEX SANITÄTS-COMMISSION V0N DEM GEHEIMEN MEDICINAL- UND REGIERUNGS-RATHE K E. H. MÜLLER. MIT EINEM KOLORIRTEN, DIE AUSBREITUNG DER EPIDEMIE DARSTELLENDEN PLANE. BERLIN. VERLAG VON TH. CHR. FR. ENSLIN. (ADOLPH ENSLIN.) 1867. S 13-19

Leitfaden zum theoretischen Unterricht für das Königlich-Preußische Garde-Dragoner-Regiment, 1844

I. Einteilung der Armee . . . . . .
II. Verhalten in der Kaserne und Garnison . . .
III. Stalldienst . . . . . . . . . .
IV. Wachtdienst . . . . . . . .
V. Reiterei . . . . . . . . .
VI. Waffen . . . . . . . . .
VII. Felddienst . . . . . . . . .
VIII. Pferdebekleidung . . . . . . . .
IX. Flankiren . . . . . . . . .
X. Verhalten auf dem Marsche, in der Kantonnirung, im Bivouacq . . . . . . . .
XI. Pferdekenntniß . . . . . . . ·
XII. Kriegsartikel und Gerichtsstand . . . . .
XIII. Vermischte Gegenstände . . . . . .

Das Handbuch hat 95 Seiten. Hier ein paar Auszüge:

I. Einteilung der Armee

Wie viel Kavallerieregimenter hat die preußische Armee außer der Garde?

8 Kürassirer-, 4 Dragoner-, 12 Husaren und 8 Ulanenregimenter.

Woraus besteht ein Infanterieregiment?

Aus 3 Bataillons, 2 Grenadier- (oder Musquetier-) und 1 Füsilier-Bataillon

Woraus besteht ein Kavallerieregiment?

Aus 4 Eskadrons.

II. Verhalten in der Kaserne und Garnison

Wie ist der Dragoner auf der Straße angezogen?

Mit gutgeputzter Montierung, zugeknöpft und zugehakt.

Was heißt Honneurs?

Die Ehrenbezeigungen die dem Vorgesetzten gemacht werden.

Wie vielerlei Honneurs gibt es, welche dem
Vorgesetzen beim Begegnen gemacht werden ?

Zweierlei: – es wird Front gemacht, oder mit der Hand an der Kopfbedeckung gegrüßt.

Vor wem wird Front* gemacht?

Vor Sr. Majestät dem Könige und der Königin, den Königlichen Prinzen nnd Prinzessinnen, den Feldmarschällen,
dem kommandierenden General des Corps, dem Gouverneur, dem Kommandanten , den Kavallerie-, Brigade- und Regiments-Kommandanten, den Staabs-Offizieren des Regiments, dem Eskadron-Chef und den Offizieren der Eskadron.

Front* zum Erweisen der Ehrenbezeigung zuwenden und Haltung annehmen

Wer wird mit der Hand an der Kopfbedeckung
gegrüßt?

Alle übrigen Offizieren und Vorgesetzten, also auch die Unteroffiziere, (…)

Wann fangen die Honneurs an und hören
wieder auf?

Sechs Schritte vor und sechs Schritte hinter dem Vorgesetzten.

Was geschieht, wenn der Dragoner den Säbel
um hat und Honneurs macht?

Er zieht die Säbelscheide an, indem er entweder Front macht, oder die Hand an die Kopfbedeckung legt.

Was geschieht, wenn er den Karabiner in der
Hand hat?

Er zieht denselben an, macht jedoch niemals Front.

III. Stalldienst

Was geschieht Morgens vor dem Putzen im Stall?

Die Streu wird aufgenommer das Pferd getränkt, und genau untersucht, ob die Nacht über etwas vorgefallen ist.

Was hat der Dragoner auf Stallwache zu tun?

Es wird ihm eine Anzahl Pferde zugeteilt, auf die er immer gut Acht haben muß: er muß Decken, Halfter-, Lattierbäume, Streu, Mähnen des Pferdes (weshalb er stets einen Mähnenkamm bei sich führt) und dergleichen, wo es nötig, gleich wieder in Ordnung bringen, den Stall rein halten, sobald ein Pferd gemistet, den losen Mist von der Streu entfernen, diese ausgleichen und alle Befehle schnell ausführen, die er vom Unteroffizier du jour oder dem Gefreiten bekommt. Den Stall darf er ohne Erlaubnis nicht verlassen.

Was hat die Stallwache des Nachts zu beobachten?

Sie wird vom Unteroffizier du jour in zwei gleiche Hälften geteilt, wovon die eine schläft, die andere wacht.
Nach zwei Stunden wird abgelöst. Wer den Dienst hat muß stets aufmerksam sein, im Stall umhergehen und alles nachsehen.
Jedermann, der in der Nacht in den Stall eintritt, wird : «Werda?« angerufen.

VI. Waffen

Welches sind die Waffen der Dragoner?

Säbel, Karabiner, Büchse und Pistol.

Aus welchen Teilen besteht der Säbel?
Aus dem Säbel selbst und der Scheide.

Die einzelnen Teile des Säbels?

Gefäß und Klinge.

Die einzelnen Teile des Gefäßes?

Griff mit Gewinde, Bügel und Knopf.

Die einzelnen Theile der Klinge?

Klinge und Angel, an der Klinge Schärfe, Rücken, Spitze.

XIII. Vermischte Gegenstände

Wie viel Traktament* erhält ein Dragoner
monatlich?

3 Taler Traktament und 15 Sgr. Gemüse-Zulage.

Für welchen Preis wird der Dragoner an dem
Mittagstisch gespeist?

Für 1 Sgr. 3 Pf.

Wie wird demselben das Traktament ausgezahlt?

Alle zehn Tage und zwar nach Abzug des Tisches mit 22 Sgr. 6 Pf.

Traktament* Sold

Was erhält der Dragoner an großen Montirungsstücken*

Alle 2 Jahre 1 Waffenrock, 1 Zwilligjacke und 1 Mütze und alle Jahr 1 Halsbinde, 1 Paar Stallhosen und 1 Paar Reithosen, Helm, Mantel, Mantelsack und Sporn werden in Contingenten geliefert.

Was an kleinen Montirungsstücken*

In 3 Jahren 2 Paar Stiefeln, 2 Paar Vorschuhe,
4 Paar Sohlen und alle Jahr 2 Hemden.

Montirungsstücke* Bekleidungsgegenstände

Anhalter Bahnhof – die Anfänge

Plan von Daniel Friedrich List ( 1789 – 1846 ) , Wirtschaftstheoretiker

In Friedrich Lists Plänen für ein deutsches Eisenbahnsystem war Leipzig der Mittelpunkt: von der Messestadt gingen denn auch die ersten deutschen Fernstrecken aus (nach Dresden 1839, nach Magdeburg 1840 eröffnet). In Berlin bildete sich 1836 ein Comite zur Gründung einer Aktiengesellschaft, die schnellstmöglich eine Eisenbahn in Richtung Leipzig-Dresden (Sachsen) realisieren sollte. Die Regierung in Berlin jedoch, unfähig zu einer richtigen Einschätzung der wirtschaftlichen Impulse, die vom Eisenbahnbau ausgehen sollten, versagte die Genehmigung und verlangte eine Verbindung in Richtung Magdeburg (Preußen). So kam es zum späten Kompromiß nach Dessau, der Hauptstadt des Herzogtums Anhalt, und zur mehrdeutigen Namensgebung.

Nachdem das Potsdamer Tor durch die Berlin-Potsdamer Eisenbahn seit 1837 »besetzt« war, mußte für die parallel herangeführte Linie der B.A.E. ein neuer Berührungspunkt mit der eingemauerten Stadt zwischen Potsdamer und Halleschem Tor gefunden werden. Die B.A.E. legte dazu die Anhalt-Straße und den Askanischen Platz samt der dazugehörigen Toranlage an (eröffnet 1.10.1840), außerdem die vom Torplatz abgehenden Straßen, die nach den von der B.A.E. berührten Orten benannt wurden. Der Verkauf der Baustellen erfolgte so rasch, daß mit diesen Erlösen nicht nur der Grunderwerb und die Straßenanlegung, sondern auch sämtliche Bauten ihres Berliner Bahnhofs finanziert waren. – Die gesamte Strecke Berlin-Cöthen wurde am 10. 9. 1841 in Betrieb genommen: an diesem Tag erwies sich auch die erste Berliner Lokomotive von Borsig auf einer Fernstrecke mit den englischen Maschinen als konkurrenzfähig. (1 – Maier)

Sechs Lokomotiven – für die Berlin-Potsdamer Eisenbahn – waren bei Stephenson in Newcastle bestellt worden, Borsig erhielt den Auftrag, sie zu warten, und nutzte die günstige Gelegenheit, die überlegene Technik im Detail zu studieren. (2 – Bisky)

Die Montagehalle in Borsigs Maschinenbau-Anstalt (Ausschnitt), nach „Illustrierten Zeitung“, 1848

Das strategische Problem der Bahngesellschaften war einfach: so nahe wie möglich an den Stadtkern heranzukommen, ohne sich mit den Bebauungsbedingungen innerhalb der Stadt herumzuschlagen. An Ausweichen in die Tiefe, wie in Paris oder London, war nicht zu denken. Das Optimum, das sie zu erreichen trachteten, war, sich bis direkt an die Stadtmauer heranzuarbeiten und dann mit den Kopfgebäuden direkt vor den Toren präsent zu sein. (…)

Der Bahnhof der Berlin-Potsdamer Eisenbahn, 1838 (1)

Das ist in dieser Form klassisch verwirklicht beim Potsdamer Platz. Im Falle des Anhalter Bahnhofs, der 1840 errichtet wurde, hatte die Bahngesellschaft, um in den Genuß einer gleichartigen Situation zu kommen, schon selber die Kosten für die Anlegung von Torplatz, Tor und den dahinterliegenden Durchbruch zur Wilhelmstraße zu tragen. Letzteres löste die Bahngesellschaft, indem sie das Grundstück Wilhelmstr. 128 aufkaufte und in eine Straße verwandelte, die Anhalter Straße. (…)
Je näher sie an das Stadtzentrum heran wollten, desto mehr mußten die Bahngesellschaften bestrebt sein, diesen Zugang sparsam zu gestalten. Insbesondere die Anhalter Bahngesellschaft ging hier recht geizig vor. Am Anfang glaubte man allen Ernstes, mit zwei oder drei Feldbreiten auskommen zu können. Als dann die eigentliche Expansion einsetzte, wurde es zunehmend schwieriger, noch die parallel laufenden Geländestreifen für den Bahnausbau zu erwerben. Das Problem spiegelt sich in der auffälligen Schlankheit und Länge der Berliner Bahnhofsgebäude, so auch noch des zweiten Anhalter und des letzten Potsdamer Bahnhofs, die ja nicht einfach darin aufgeht, daß es sich um konkurrierende Kopfbahnhöfe mit spezialisiertem Richtungsverkehr handelte. (3 -Axthelm)

update 19.02.20 :

Bahnhofsgebäude der Berlin-Anhaltinischen Bahn in Berlin, 1841 (2)

Nachdem die Wahl des Standorts des in Berlin zu erbauenden Personen- und Güterbahnhofs auf das Gelände hinter dem Askanischen Platz gefallen war, damals eine jungfräuliche Wiese, die Töplitzwiese, auf der das Schlachtvieh für die Berliner Fleischer weidete, sah sich die B.A.E. mit der Berliner Zollmauer konfrontiert, die entlang der heutigen Stresemannstraße verlief. Um den Ankommenden und Abreisenden einen bequemen Zugang in die an dieser Stelle verschlossene preußische Hauptstadt zu ermöglichen, wurde auf Rechnung der Eisenbahngesellschaft ein neues Stadttor, das Anhalter Tor, angelegt — 944 Taler kostete der Mauerabbruch, 21 714 Taler die Toranlage und die Wacht- und Steuergebäude. Doch damit war es nicht getan. Auch der Anschluß an das Berliner Straßennetz — hinter dem Tor lagen die Gärten des Prinz Albrecht-Palais — mußte geschaffen werden. Die neue Anhaltstraße verband, die Gärten durchquerend, den Bahnhofsvorplatz mit der Wilhelmstraße und ermöglichte so den notwendigen Zugang zur Berliner Innenstadt.
Neben der Anhaltstraße übereignete die B.A.E. der Stadt Berlin kostenfrei noch die Militärstraße (Möckernstraße), die Schöneberger Straße sowie den Bahnhofsvorplatz (Askanischer Platz), gepflastert und beleuchtet.

Der alte Anhalter Bahnhof, vor 1875 (2)

Die Gesellschaft konnte sich soviel Großzügigkeit leisten: Nach einer im Berliner Gewerbe-, Industrie- und Handelsblatt im April 1842 veröffentlichten Aufstellung kostete sie der Grunderwerb in und um Berlin einschließlich der Herstellungskosten für Straßen, Tor und zwei Eisenbahnbrücken keinen Pfennig. Durch den Wiederverkauf der mittlerweile im Wert gestiegenen Restgrundstücke um den Bahnhof und an der Bahnlinie konnte die B.A.E. sogar einen Überschuß von 9209 Talern erwirtschaften. (4)

Die Rückansicht des alten Anhalter Bahnhofs nach einen Stich von Rosenbaum und Holtzmann (2)

siehe auch: https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/entwicklung-der-eisenbahn-in-berlin/

Entwicklung der Eisenbahn in Berlin

Mit dem Beginn der ersten großen Industrialisierungswelle, die in Deutschland etwa in den Jahren 1820-1840 einsetzte, kam es auch in Berlin zu einem immer größeren Zustrom von Menschen, auf den diese Stadt aufgrund ihrer spezifischen Geschichte weder verkehrstechnisch noch städteplanerisch vorbereitet war.(…)
Berlin verdankte sein industrielles Wachstum zunächst dem Eisenbahnbau, der einerseits Berlin neue Märkte erschloß, andererseits selber die Nachfrage nach maschinellen Produkten enorm steigerte.

Am Beispiel der Firma Borsig läßt sich dies besonders deutlich aufzeigen. Hatte Borsig im Jahre 1837 als handwerklicher Manufakturbetrieb noch etwa 50 Beschäftigte, so war es im Jahre 1860 zu einem fabrikmäßigen Industrieunternehmen mit über 1700 Arbeitern und mehreren Niederlassungen geworden. Großaufträge verschiedener Eisenbahngesellschaften, zuerst über 116 000 Schrauben für den Gleisbau, ab 1841 über den Bau von Lokomotiven, hatten dieses Wachstum möglich gemacht.

Borsigs Eisengießerei und Maschinenbau-Anstalt vor dem Oranienburger Tor, Lithographie, 1862

Die rasche Bevölkerungszunahme im Verbund mit dem industriellen Wachstum ließen die ohnehin zu enge Stadt nun aus allen Nähten platzen. Da der räumlichen Ausdehnung der Industrie im Stadtgebiet Grenzen gesetzt waren, verlagerten sich die Betriebe in drei Etappen aus der Stadt in ausgesprochene Industriestandorte. War bislang zum größten Teil Arbeiten und Wohnen noch auf dem gleichen Grundstück lokalisiert, so kam es nunmehr zu einer Trennung von Arbeitsplatz und Wohnstätte. Es entstanden monofunktionale Stadtgebiete mit einer Entmischung von Wohnen und Arbeiten sowie die Herausbildung einer City mit spezifischen Nutzungen wie Verwaltung, Handel und Finanzen. Das Wohnen wurde aus der engen Innenstadt mehr und mehr verdrängt, vor allem durch enorme Steigerung der Grundstückspreise.(…)

Seit 1838 die erste Eisenbahnstrecke von Berlin nach Potsdam eröffnet worden war, folgten in den nächsten acht Jahren vier weitere Bahnen.

  • die Anhalter Bahn 1841
  • die Berlin-Stettiner Eisenbahn 1842/43
  • die Berlin-Frankfurter Bahn 1842
  • die Hamburger Bahn 1846

Zudem waren bis 1846 die Potsdamer Bahn bis Magdeburg und die Frankfurter Bahn mit der Niederschlesisch-Märkischen Bahn vereinigt und bis Breslau weitergeführt worden.

Entwicklung der Berliner Eisenbahn 1846 (Katalog Die Berliner S-Bahn)

Alle diese Bahnen wurden von privaten Aktiengesellschaften betrieben und dienten als Fernbahnen, in den ersten Jahren vor allem dem Personenverkehr. Sie endeten vor den Toren der Stadt, ohne miteinander verbunden zu sein. Die Vorortbesiedlung war zu dieser Zeit nach wie vor gering, so daß ein ausreichender Verkehrsbedarf für einen Personenverkehr noch nicht vorhanden war.

Bereits 1851 baute der preußische Staat eine Schienenverbindung zwischen den vorhandenen fünf Kopfbahnhöfen. Das Eingreifen des Staates in die Berliner Verkehrsentwicklung galt jedoch vorerst nicht dem öffentlichen Personentransport. Militärische Gesichtspunkte, vor allem die Forderung nach schnellem, von einer Eisenbahnlinie zur anderen lückenlos übergehenden Truppentransport, waren zunächst für den Bau einer Verbindungsbahn ausschlaggebend.

Entwicklung der Berliner Eisenbahn 1867 (Katalog Die Berliner S-Bahn)

Die Bahn sollte, weit außerhalb der Bebauung rings um die Stadt verlaufend, eine Verbindung aller in Berlin in Kopfbahnhöfen endenden Eisenbahnlinien herstellen. Darüber hinaus sollte sie den neuen Fabrikstandorten Gleisanschluß für den Güterverkehr bieten und später, nach weiterer baulicher Ausdehnung der Stadt, auch in den Dienst des Personenverkehrs gestellt werden.
Ihre Strecke verlief vom Stettiner Bahnhof ausgehend über die Invalidenstraße am Brandenburger Tor vorbei, über den Potsdamer Platz zum Halleschen Tor und durch die spätere Gitschiner und Skalitzer Straße, zweigte auf der Höhe des später entstandenen Görlitzer Bahnhofes ab, entlang der Eisenbahnstraße und über die Spree zur Frankfurter Bahn.(…)

Mit dem stetig wachsenden Verkehr auf Schienen und Straßen wuchsen auch die Behinderungen durch die Verbindungsbahn. Alte Häuser drohten wegen der ständigen Erschütterungen einzustürzen und der Straßenverkehr wurde so sehr gestört, daß diese erste Verbindungsbahn schließlich Ende der 60er Jahre wieder stillgelegt werden mußte.
(…)
Zusätzlich waren beim Bau der Ringbahn zunächst militärische Gründe ausschlaggebend gewesen. Der Anschluß dieser Bahn an die Potsdamer Bahn erfolgte z. B. nicht in Richtung Stadt, sondern nach Süden hin, damit die von Potsdam kommenden Militärzüge ohne Rangieren zum Tempelhofer Exerzierplatz fahren konnten. Der südliche Streckenabschnitt, der ursprünglich entlang der Hasenheide geführt werden sollte, also relativ dicht an der Stadtgrenze geplant war, wurde auf Einspruch des Militärs nach Süden, südlich des Exerzierplatzes verlegt. Ein Personenverkehr war zunächst nicht vorgesehen und wurde erst nachträglich zugelassen.

Karte von Berlin: an der vom Anhalter Bahnhof südwärts führenden Strecke ist in der Mitte rechts beim Exerzierplatz und der Eisenbahnregiments-Kaserne der Militärbahnhof Schöneberg und das zusätzlich parallel geführte Militärbahngleis eingetragen.
https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6niglich_Preu%C3%9Fische_Milit%C3%A4r-Eisenbahn#/media/Datei:BahnhoefeSchoeneberg.jpg

Die Fahrgastzahlen blieben in den nächsten Jahren sehr gering, auch siedlungspolitisch blieb die Ringbahn zunächst von geringer Bedeutung. Lediglich der Wanderungsbewegung der Industrie zum Stadtrand und der Bildung neuer Industriestandorte war sie förderlich. Dabei spielte der Güterverkehr eine größere Rolle als der Personenverkehr. Die Anfänge eines Berufsverkehrs entwickelten sich zunächst von den im weiteren Umland gelegenen Villenkolonien auf den Fernbahnstrecken. Die Bahngesellschaften standen der Errichtung sogenannter Lokalzüge jedoch anfangs skeptisch gegenüber. (…)

Und selbst der preußische Staat hatte Mühe, eine Eisenbahngesellschaft dazu zu bewegen, Lokalstationen einzurichten. Als die Artilleriewerkstätten von Berlin nach Spandau verlegt wurden, bedurfte es administrativen Drucks sowie einer Fahrpreissubvention, damit Arbeiter ab 1868 mit zwei örtlichen Personenzügen vom Hamburger Bahnhof nach Spandau und zurück fahren konnten.

Gasbeleuchtungsanstalt

Gasbeleuchtungsanstalt unweit des Hallesches Tores, Stahlstich von Finden nach einer Zeichnung von J.H.Hintze, um 1830

Die ersten Gasbeleuchtungsanlagen wurden Anfang des 19. Jahrhunderts in den Hochburgen der englischen Industrie, in Soho bei Birmingham und in Manchester, eingerichtet.
Die Gasbeleuchtung war auschließlich Fabrikbeleuchtung. Doch schon bald kam die Idee auf, aus einer zentralen Produktionsstätte mittels Leitungsröhren Konsumenten mit Gas zu versorgen.
“London wurde innerhalb weniger Jahre die erste weitgehend mit Gas versorgte Großstadt. (…) Mitte der 1820er Jahre waren die meisten großen Städte auf Gas umgerüstet, in den späten 1840er Jahren hatte die Industrie auch die Kleinstädte und sogar die Dörfer erfasst.
Die Entwicklung in Frankreich und Deutschland war unvergleichlich langsamer. (…)
Die englische Imperial Continental Gas-Association, eigens als Exportunternehmen gegründet, richtet in den 1820er Jahren Gasanstalten in Hannover, Berlin, Aachen, Kön und Wien ein. Obwohl sich bald die heimische Industrie regte, waren bis 1850 doch erst 24 Gasanstalten in Betrieb genommen.”(1)

1825/1826 Die ‘Imperial-Continental-Gas-Association’ baut im Auftrag des preussischen Innenministeriums unweit des Halleschen Tores zwischen der Stadtmauer und dem Landwehrgraben die erste Gasbeleuchtungsanstalt in Berlin.
1826 Mit der von der englischen ‘Imperial-Continental-Gas-Association’ eingerichtete Gasbeleuchtung der Straße Unter den Linden vom Brandenburger Tor bis zur Schloßbrücke erhält Berlin als erste deutsche Stadt, zwölf Jahre nach London, eine moderne Straßenbeleuchtung.
1833 waren bereits 12,5 deutsche Meilen (dt.Meile – 7.532,50 m) Rohre verlegt und 1789 öffentliche sowie 4500 private Gaslichter angeschlossen.
1845-1847 Da 1846 der Vertrag mit der englischen ‘Imperial-Continental-Gas-Association’ ausläuft und die Verhandlungen des Magistrats mit ihr und den königlichen Behörden zu keinen befriedigenden Ergebnis führen, läßt die Stadtverwaltung durch den Ingenieur Blochmann am Stralauer Platz und vor dem Kottbuser Tor zwei neue Gaswerke bauen und ein städtisches Gasnetz anlegen.
Finanziert wird das Unternehmen durch 1,5 Millionen Taler Stadtobligatonen.
1847 die öffentlichen Straßen und Plätze sowie eine Teil der Privathäuser werden erstmals mittels Stadtgas aus den städtischen Gaswerken beleuchtet. (2)

Vogtland um 1846

Die Obdachlosigkeit ganzer Familien ist in der Regel nur von kurzer Dauer. Sie sind nicht imstande, sich lange, wenn sie bis dahin herabgesunken, dem Auge der Gesellschaft und ihrer beauftragten Organe zu entziehen. Die nächste Stufe zur Obdachlosigkeit einer Familie ist das Wohnen derselben in den vielerwähnten Familienhäusern des Vogtlandes. Diese großen, nackten Gebäude, welche dem Jammer, der Verzweiflung und dem Verbrechen zur Zuflucht dienen, sind nicht etwa, wie man mannigfach geglaubt hat, Wohltätigkeitsanstalten, im Gegenteil, sie sind – charakteristisch für die Zustände unserer Zeit – auf Spekulation erbaut worden. In diesen fünf Häusern vor dem Hamburger Tore wohnen 16- bis 1800 Seelen. Die Häuser sind für 80 000 Taler erbaut, der Besitzer fordert gegenwärtig 200 000 Taler für dieselben. Man zahlt in denselben für eine Stube – welche häufig von mehr als einer Familie bewohnt wird – 24 Taler Miete, ist noch ein finsteres Loch zum Kochen dabei, 36 Taler.
Das Kapital verzinst sich gegenwärtig zu 12 Prozent. Die Pfennige der schrecklichen Armut müssen eine reiche, bequeme Existenz düngen, und wer nach Ablauf des Monats nicht zu dem richtigen Termin die allerdings nur kleine Mietsumme bezahlen kann, der wird augenblicklich und ohne weitere Umstände in seiner Nacktheit mit seinem zitternden Weibe, mit seinen hungernden Kindern auf die Straße geworfen, «exmittiert», wie es in der Sprache der berlinischen Hauseigentümer heißt. Und das ist nur allzuhäufig das Los unseres kleinen Handwerkertums, welches sich jahrelang, vom Morgen bis zum Abend, ohne zu ruhen und zu rasten, abgemüht hat, die Konkurrenz eines großen Fabrikanten zu ertragen, und durch die Macht des Kapitals und unglückliche Familienereignisse so tief gestürzt wurde.

zuerst erschienen auf dem AUGUSTSTRASSEN-BLOG am 2013-10-10

Polizeipräsident von Berlin, Karl v. Hinckeldey

Berlins erste Anschlagsäule, im Hof der Litfaßschen Druckerei in der Adlerstraße um 1855

“»Wer Berlin vor zehn Jahren gesehen hat, würde es heute nicht wiedererkennen!« So der im Londoner Exil lebende Karl Marx im Januar 1859, wozu angemerkt sei, daß er seine genauen Kenntnisse von Berlin aus zweiter Hand hatte; das ganze Jahrzehnt hindurch, das seit der gescheiterten Revolution von 1848/49 vergangen war, hatte er wie fast alle politisch engagierten Repräsentanten der deutschen Linken in der Fremde verbracht, denn die deutschen, zumal die preußischen Polizeibehörden verhafteten in dieser Zeit der finstersten Reaktion jeden, der »im Verdacht demokratischer Gesinnung« stand.(…) Polizeipräsident von Berlin war Karl v. Hinckeldey, ein äußerst energischer Herr, der nicht allein in Polizei-, sondern in praktisch sämtlichen städtischen Angelegenheiten so selbstherrlich regierte wie ein absoluter Monarch. Wenn sich also Berlin völlig verändert hatte, was tatsächlich der Fall war, so hatte Hinckeldey daran entscheidenden Anteil.
Als erstes nach seinem Amtsantritt im November 1848 nahm er die Reorganisation der Berliner Polizei in Angriff. Er beseitigte das Durcheinander von kommunalen und staatlichen Behörden und deren diversen Organen, schuf eine einheitliche, nunmehr militärisch straff organisierte Schutzmannschaft und unterstellte sie seinem alleinigen Befehl. Als nächstes gliederte er alles, was auch nur entfernt mit polizeilichen Aufgaben in Zusammenhang zu bringen war, »seiner« Polizei an, als erstes das gänzlich veraltete Feuerlöschwesen. Die ebenfalls militärisch organisierte Berufsfeuerwehr, die Hinckeldey ins Leben rief, fand als einzige seiner »Errungenschaften«, wie er sie nannte, den Beifall der skeptischen Berliner, denn sie funktionierte hervorragend und erwarb sich bald einen internationalen Ruf.(…)

Was nach seiner Meinung die Unruhen am meisten gefördert hatte, waren die vielen wild an die Hauswände und Bretterzäune geklebten Plakate gewesen, sodann die Proletarier der Vorstädte, »Rehberger« genannt, weil sie in den Rehbergen mit Notstandsarbeiten beschäftigt wurden und, im März 1848, von Berliner Studenten aufgewiegelt und zum Barrikadenkampf geführt, die Bürger am meisten geängstigt hatten, und schließlich die vielen Prostituierten, denn nach Hinckeldeys Überzeugung war die »Sittenlosigkeit« der Berliner die eigentliche Ursache ihrer »politischen Verderbtheit«.
Was das wilde Plakatieren betraf, so schloß er mit dem Druckereibesitzer Litfaß 1854 auf fünfzehn Jahre einen Vertrag. Litfaß mußte hundertfünfzig – dann nach ihm benannte – Plakatsäulen aufstellen und bekam dafür das alleinige Recht, Plakate öffentlich anzuschlagen, wobei es sich von selbst versteht, daß sie zuvor die polizeiliche Zensur zu passieren hatten. Tatsächlich behielt Litfaß sein privates Monopol bis 1880, dann erst wurde das Anschlagwesen in die städtische Verwaltung übernommen.
Was die »Rehberger« betraf, so wies Präsident Hinckeldey die Torwachen an, sie nur in die Stadt zu lassen, wenn ihr Arbeitsbüchlein sie als innerhalb der Stadtmauer Beschäftigte auswies. Denn so seltsam es auch anmuten mag: Berlin hatte, als die Einwohnerzahl sich schon der Millionengrenze näherte, nämlich bis 1867/68, tatsächlich noch eine – von den Berlinern als sehr lästiges Hindernis empfundene – Mauer, die aus der Regierungszeit des »Soldatenkönigs« stammte und längst mitten durch die Wohngebiete verlief, streckenweise aber auch noch Äcker und Wiesen einschloß, weil die immer größer werdende Stadt zunächst mehr nach Westen und Norden als nach Osten und Süden über den Mauerring hinausgewachsen war. Diese Mauer mit ihren fünfzehn Toren hatte zu keiner Zeit der militärischen Befestigung gedient. Sie war nur teilweise wirklich gemauert und dann maximal 15 Fuß, also etwa 4,50 Meter hoch, weniger als einen Meter breit und über lange Strecken ein bloßer Palisadenzaun, zum Beispiel entlang der Linien-, der Gollnow- und der Palisadenstraße.(…)Ihr Zweck in den mehr als 160 Jahren ihres Bestehens wurde von den Berlinern als reine Schikane angesehen, denn bei den fünfzehn Toren mußten jahrzehntelang Gebühren, mehr als ein Jahrhundert lang Akziseabgaben auf eingeführte Waren entrichtet werden, aber vornehmlich diente die Mauer dazu, den Soldaten der Garnison das Desertieren zu erschweren.
Natürlich konnten Hinckeldeys Maßnahmen weder das Anwachsen des Proletariats verhindern noch dessen Angehörige aus den inneren Stadtbezirken verbannen, und die Eindämmung der Prostitution gelang dem Polizeipräsidenten ebensowenig. Es handelte sich zudem bei den auf »mehr als 20000« geschätzten »Straßendirnen« größtenteils nicht um Professionelle, sondern um jene Minderheit unter den weiblichen Dienstboten, die sich gelegentlich »’n Daler nebenbei« zu verdienen suchten.

Dagegen hatte Hinckeldey auf anderen Gebieten Erfolg: Er richtete öffentliche Dampfwaschanstalten ein, wo die Hausfrauen, denen in ihren Mietskasernen keine ordentlichen Waschküchen zur Verfügung standen, ihre Wäsche waschen konnten, und er sorgte auch für die ersten Hallen-Badeanstalten. Dort gab es sowohl Dusch- und Wannenbäder als auch – natürlich streng getrennt nach Geschlechtern! – Gelegenheit zum Schwimmen.”

zuerst erschienen im AUGUSTSTRASSEN-Blog am 2010-11-10

1848 – Erstürmung des Zeughauses

Arbeiter und Handwerker erstürmen das Zeughaus und bemächtigen sich der dort gelagerten Waffen, 14. Juni 1848

Juni: Nachdem der Magistrat am Vortag dem demokratischen Klub verboten hat, Geld für Bedürftige zu sammeln, steigert sich die Erregung der Massen. Mittags drängen sie zum Schloß und reißen die dort neu angebrachten Metallgitter ein. Als Bürgerwehr am Brandenburger Tor Arbeitslose mit Waffengewalt daran hindert, die Stadt zu betreten, wird erneut der Ruf nach Waffen laut. Eine schnell gebildete Delegation, begleitet von einer großen Menschenmenge, bringt diese Forderung dem Kommandeur der Bürgerwehr und dem Kriegsminister zur Kenntnis. Als schließlich die Bürgerwehr beim Zeughaus auf das Volk schießt, zwei Arbeiter tötet und mehrere verwundet, bricht der Sturm los. Arbeiter und Handwerker dringen in das von Bürgerwehr und Militäreinheiten besetzte Zeughaus ein und bemächtigen sich der dort gelagerten Waffen. Doch die Selbstbewaffnung bleibt nur eine spontane Verzweiflungstat. Unzureichende Organisation und mangelnde Kenntnis der notwendigen nächsten Schritte führen zur Niederlage dieser Aktion. Damit ist auch der ernsthafteste Versuch, die Revolution außerhalb des Parlaments weiterzutreiben, gescheitert.

18.-20. Juni: In Absprache mit dem Zentralkomitee für Arbeiter findet auf Einladung des Handwerkervereins in dessen Vereinsgebäude, Johannisstraße 4, der 1. Kongreß deutscher Handwerker- und Arbeitervereine statt. An ihm nehmen 69 Delegierte teil, die 91 Vereine in 72 Städten vertreten. Die Absicht des Zentralkomitees, den Kongreß zur Begründung einer überregionalen Arbeiterorganisation zu bewegen, mißlingt.

Zuerst erschienen im AUGUSTSTRASSEN-Blog, 2010-06-22

update 28.03.20

Beim Sturm aufs Berliner Zeughaus am 14. Juni 1848 entwendet der Pöbel 1000 Exemplare Zündnadelgewehre. Die praktische Volksbewaffung hat nur einen kleinen Fehler: Der noch geheimere Kern des Systems, Dreyses sogenannte Einheitspatrone, lagert zur Sicherheit zwei Kilometer entfernt im Artillerielaboratorium vor dem Oranienburger Tor.

siehe: https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/dreyse-zuendnadelgewehr/