Friedrich Ludwig Jahn und die Militarisierung der Leibesübungen

In der deutschen Erinnerungskultur ist Friedrich Ludwig Jahn (11. August 1778 bis 15. Oktober 1852), genannt der „Turnvater“, omnipräsent. Jahn prägt die deutschen Stadtpläne, denn mehr als 1100 Straßen tragen den Namen Friedrich Ludwig Jahns. Damit gibt es mehr Jahn- als Schillerstraßen. Jahndenkmäler und Jahnbüsten zieren in kaum überschaubarer Zahl deutschsprachige Felder und Fluren, Turnhallen und Sportplätze. Briefmarken und Poststempel tragen sein Konterfei. Jahns Bekanntheitsgrad basiert aber trotz der Vielzahl dieser konkreten und abstrakten Erinnerungsorte primär auf mündlicher Überlieferung: das Eponym „Turnvater“ und der populäre Turnerspruch „frisch, fromm, fröhlich, frei“ verankern Friedrich Ludwig Jahn im kollektiven Gedächtnis. Noch heute tradieren vor allem Turn- und Sportvereine diesen „Turnvater Jahn“ im deutschsprachigen Raum. (…) Damit pflegen sie eine Tradition, die über ein Jahrhundert vor ihnen erfunden wurde: Jahn als Vater, Ursprung und Verbindung der Turner und – seit späterer Zeit – auch der Sportler.
(1 – Wellner)

Jahn spricht zur Eröffnung des ersten deutschen Turnfestes in der Hasenheide
Aus: Exerzierfeld der Moderne. Industriekultur in Berlin im 19. Jahrhundert, 1984

[Jahn eröffnete] 1811 den ersten deutschen Turnplatz auf der Hasenheide in Berlin. Des Weiteren setzte er sich für die Verbreitung des Turnens ein. Als der Befreiungskrieg gegen Napoleon 1813 begann, trat Jahn mit seinen Turnern dem Lützowschen Freikorps bei. Von den Ergebnissen des Wiener Kongresses enttäuscht setzte sich Jahn für die Bewegung der Burschenschaften ein, welche in engem Zusammenhang mit der Turnbewegung stand. Beim Wartburgfest 1817 fungierte Jahn als einer der Mitinitiatoren. Im Zuge der Karlsbader Beschlüsse wurde Jahn 1820 verhaftet und verbrachte anschließend mehrere Jahre in Haft bzw. unter Polizeiaufsicht. 1840 wurde der Turnvater durch Friedrich Wilhelm IV. vollkommen rehabilitiert, 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Friedrich Ludwig Jahn starb 1852. (…)

Dass Jahns Sicht auf Leibesertüchtigung immer auch einen militärischen Anstrich hat, wird bereits offensichtlich, besieht man sich die Beispiele aus der Geschichte, welche er heranzieht, um die Sportlichkeit der Ahnen hervorzuheben. So zitiert er beispielsweise Tacitus, der die Schnelligkeit des germanischen Fußvolkes rühmt, die es ihm möglich mache, unter der Reiterei mitzukämpfen. [Jahn: Deutsches Volkstum, S. 149. Jahn geht schließlich sogar soweit zu behaupten, dass die Trägheit der Deutschen in den Leibesübungen ihren Anteil an der deutschen Katastrophe von 1806 gehabt hätte: „Man lese […] wie die Römer von Kindesbeinen an Vorübungen, Waffenübungen und eigentliche Kriegsübungen trieben, und ihre Großthaten werden uns erklärlich. Man beobachte, wie bei uns die Leibesübungen ausgestorben sind, bis auf das Führen des Gänsekiels und einen wilden Sprungtanz, der den letzten Rest giebt; und die Kriegswunder der Neuzeit haben ihre natürlichen Ursachen.“]

Aus Tonbildschau „Reiten, Reiten Reiten“

Die Möglichkeit zur sportlichen Betätigung muss, wann immer möglich, wahrgenommen werden, weswegen Jahn schreibt, dass Gehen, Laufen, Springen, Werfen und Tragen Tätigkeiten seien, welche stets anwend- und durchführbar seien. Einen ganzen Katalog an Leibesübungen zählt Jahn auf, welche er regelmäßig betrieben wissen möchte:
Klettern, Steigen und die Ausbildung des Gleichgewichtssinns sollen in gebirgigen Gegenden stets von der Jugend trainiert werden.
Schwimmen sollte auch jeder Deutsche können.
„Schlittern“, also das Fortbewegen auf gefrorener Fläche, solle nicht untersagt, sondern vielmehr geübt werden; er, Jahn, hielte dies nur für sinnvoll in einem Land, in welchem es Winter gebe.
Sich mit einem Boot auszukennen, es steuern, segeln und rudern zu können sei etwa für Bürger eines Landes wie Preußen, das über viele Binnengewässer und flache Küsten verfüge, nach Meinung des Turnpioniers unentbehrlich.
Alle diese Betätigungen dienen der allgemeinen Stärkung des Körpers und der Geschicklichkeit. Teilweise sind es auch Übungen, welche zur besseren Bewältigung des Alltags in einer spezifischen Umwelt dienen sollen, wie etwa letztgenanntes Umgehen Können mit dem Boot zeigt. Hier hat Sport nicht nur einen gewissen Gesundheits- und Fitness-Aspekt, sondern verfolgt einen ganz pragmatischen Zweck: Der Mensch soll sich behelfen können. Jahn empfiehlt, um den Leibesübungen überdies noch einen gewissen Anreiz zu geben, regelmäßig Wettspiele zu veranstalten, damit sich die Jungen miteinander messen können.

Hasenheide aus: Berlin: Biographie einer großen Stadt | Bisky, Jens

Dass Jahn die Jugendlichen auch für das Militär brauchbar machen will, beweisen die nächsten Betätigungen, zu welchen er die Jugend angehalten wissen möchte. So soll im Rahmen seiner Volkserziehung jeder das Schießen erlernen. Des Weiteren soll jede Markschule über Fecht- und Reitschulen verfügen und auch das Voltigieren will Jahn vermittelt wissen. Der Zögling soll also nicht nur Schießen und Fechten können, sondern wie ein Kavallerist auch über vollendete Körperbeherrschung im Sattel verfügen. Jahn gibt ganz offen die Militarisierung der Leibesübungen zu, wenn er schreibt: Eine wahre Volkserziehung muß die Vorarbeit für künftige Vaterlandsverteidiger ebensowohl übernehmen, als andere Ausbildung“ Der Sportunterricht, welcher Jahn vorschwebt, soll den Soldaten von morgen bereits vorfertigen. Das deutsche Vaterland braucht „Menschenmaterial“ zu seiner Verteidigung, für den Kampf gegen Napoleon. Dementsprechend soll sich an die durch Leibesübungen gewährleistete Vorbereitung nach Jahns Willen eine dreijährige Dienstzeit im stehenden Heer im Jünglingsalter anschließen, das erste Jahr als „Dienstlerner“, das zweite als „Dienstthuer“ und das dritte als „Dienstlehrer“. Des Weiteren sei jeder gesunde Mann bis zum Alter von 45 Jahren Mitglied der Landwehr, also des Aufgebots, welches im Verteidigungsfalle mobilisiert wird. Das Soldatentum soll demnach von der Jugend bis über die Lebensmitte hinaus Teil des Männerlebens sein. Den „vaterländischen Schutzkrieg“, zu dessen Zwecke die Männer von Jugend an wehrhaft erzogen werden sollen, den Krieg der von Vaterlandsliebe Entflammten gegen eine fremde Macht empfindet Jahn als ehrbaren, aufrechten Krieg. Bei der Verteidigung des Vaterlandes „ist des Kriegers Herz im Einklange mit dem Verstande“, diesen Kampf nimmt man gern auf, glühend vor Begeisterung. Der „vaterländische Schutzkrieg“, die „Landwehr“, sei doch ehrlicher und humaner als ein Krieg, in welchem Soldatenheere gegeneinander gehetzt würden. Jahn argumentiert, dass „Soldatenkriege“ nur wenig ehrbar seien, da die Beteiligten nur um ihres Soldes willen kämpften. So seien diese Kriege doch eine zynische „Menschenhetze“, „ein elendes Faustbalgerspiel, bloße Hunderttausende, Mietlinge, Söldlinge, Gezwungene, Geworbene gegeneinander“. Wie anders doch die Landwehr, wo jeder Einzelne begeistert für Volk und Vaterland in die Schlacht zöge, das Recht auf seiner Seite wissend. (2 – Rittner)

Anhalter Bahnhof – die Anfänge

Plan von Daniel Friedrich List ( 1789 – 1846 ) , Wirtschaftstheoretiker

In Friedrich Lists Plänen für ein deutsches Eisenbahnsystem war Leipzig der Mittelpunkt: von der Messestadt gingen denn auch die ersten deutschen Fernstrecken aus (nach Dresden 1839, nach Magdeburg 1840 eröffnet). In Berlin bildete sich 1836 ein Comite zur Gründung einer Aktiengesellschaft, die schnellstmöglich eine Eisenbahn in Richtung Leipzig-Dresden (Sachsen) realisieren sollte. Die Regierung in Berlin jedoch, unfähig zu einer richtigen Einschätzung der wirtschaftlichen Impulse, die vom Eisenbahnbau ausgehen sollten, versagte die Genehmigung und verlangte eine Verbindung in Richtung Magdeburg (Preußen). So kam es zum späten Kompromiß nach Dessau, der Hauptstadt des Herzogtums Anhalt, und zur mehrdeutigen Namensgebung.

Nachdem das Potsdamer Tor durch die Berlin-Potsdamer Eisenbahn seit 1837 »besetzt« war, mußte für die parallel herangeführte Linie der B.A.E. ein neuer Berührungspunkt mit der eingemauerten Stadt zwischen Potsdamer und Halleschem Tor gefunden werden. Die B.A.E. legte dazu die Anhalt-Straße und den Askanischen Platz samt der dazugehörigen Toranlage an (eröffnet 1.10.1840), außerdem die vom Torplatz abgehenden Straßen, die nach den von der B.A.E. berührten Orten benannt wurden. Der Verkauf der Baustellen erfolgte so rasch, daß mit diesen Erlösen nicht nur der Grunderwerb und die Straßenanlegung, sondern auch sämtliche Bauten ihres Berliner Bahnhofs finanziert waren. – Die gesamte Strecke Berlin-Cöthen wurde am 10. 9. 1841 in Betrieb genommen: an diesem Tag erwies sich auch die erste Berliner Lokomotive von Borsig auf einer Fernstrecke mit den englischen Maschinen als konkurrenzfähig. (1 – Maier)

Sechs Lokomotiven – für die Berlin-Potsdamer Eisenbahn – waren bei Stephenson in Newcastle bestellt worden, Borsig erhielt den Auftrag, sie zu warten, und nutzte die günstige Gelegenheit, die überlegene Technik im Detail zu studieren. (2 – Bisky)

Die Montagehalle in Borsigs Maschinenbau-Anstalt (Ausschnitt), nach „Illustrierten Zeitung“, 1848

Das strategische Problem der Bahngesellschaften war einfach: so nahe wie möglich an den Stadtkern heranzukommen, ohne sich mit den Bebauungsbedingungen innerhalb der Stadt herumzuschlagen. An Ausweichen in die Tiefe, wie in Paris oder London, war nicht zu denken. Das Optimum, das sie zu erreichen trachteten, war, sich bis direkt an die Stadtmauer heranzuarbeiten und dann mit den Kopfgebäuden direkt vor den Toren präsent zu sein. (…)

Der Bahnhof der Berlin-Potsdamer Eisenbahn, 1838 (1)

Das ist in dieser Form klassisch verwirklicht beim Potsdamer Platz. Im Falle des Anhalter Bahnhofs, der 1840 errichtet wurde, hatte die Bahngesellschaft, um in den Genuß einer gleichartigen Situation zu kommen, schon selber die Kosten für die Anlegung von Torplatz, Tor und den dahinterliegenden Durchbruch zur Wilhelmstraße zu tragen. Letzteres löste die Bahngesellschaft, indem sie das Grundstück Wilhelmstr. 128 aufkaufte und in eine Straße verwandelte, die Anhalter Straße. (…)
Je näher sie an das Stadtzentrum heran wollten, desto mehr mußten die Bahngesellschaften bestrebt sein, diesen Zugang sparsam zu gestalten. Insbesondere die Anhalter Bahngesellschaft ging hier recht geizig vor. Am Anfang glaubte man allen Ernstes, mit zwei oder drei Feldbreiten auskommen zu können. Als dann die eigentliche Expansion einsetzte, wurde es zunehmend schwieriger, noch die parallel laufenden Geländestreifen für den Bahnausbau zu erwerben. Das Problem spiegelt sich in der auffälligen Schlankheit und Länge der Berliner Bahnhofsgebäude, so auch noch des zweiten Anhalter und des letzten Potsdamer Bahnhofs, die ja nicht einfach darin aufgeht, daß es sich um konkurrierende Kopfbahnhöfe mit spezialisiertem Richtungsverkehr handelte. (3 -Axthelm)

update 19.02.20 :

Bahnhofsgebäude der Berlin-Anhaltinischen Bahn in Berlin, 1841 (2)

Nachdem die Wahl des Standorts des in Berlin zu erbauenden Personen- und Güterbahnhofs auf das Gelände hinter dem Askanischen Platz gefallen war, damals eine jungfräuliche Wiese, die Töplitzwiese, auf der das Schlachtvieh für die Berliner Fleischer weidete, sah sich die B.A.E. mit der Berliner Zollmauer konfrontiert, die entlang der heutigen Stresemannstraße verlief. Um den Ankommenden und Abreisenden einen bequemen Zugang in die an dieser Stelle verschlossene preußische Hauptstadt zu ermöglichen, wurde auf Rechnung der Eisenbahngesellschaft ein neues Stadttor, das Anhalter Tor, angelegt — 944 Taler kostete der Mauerabbruch, 21 714 Taler die Toranlage und die Wacht- und Steuergebäude. Doch damit war es nicht getan. Auch der Anschluß an das Berliner Straßennetz — hinter dem Tor lagen die Gärten des Prinz Albrecht-Palais — mußte geschaffen werden. Die neue Anhaltstraße verband, die Gärten durchquerend, den Bahnhofsvorplatz mit der Wilhelmstraße und ermöglichte so den notwendigen Zugang zur Berliner Innenstadt.
Neben der Anhaltstraße übereignete die B.A.E. der Stadt Berlin kostenfrei noch die Militärstraße (Möckernstraße), die Schöneberger Straße sowie den Bahnhofsvorplatz (Askanischer Platz), gepflastert und beleuchtet.

Der alte Anhalter Bahnhof, vor 1875 (2)

Die Gesellschaft konnte sich soviel Großzügigkeit leisten: Nach einer im Berliner Gewerbe-, Industrie- und Handelsblatt im April 1842 veröffentlichten Aufstellung kostete sie der Grunderwerb in und um Berlin einschließlich der Herstellungskosten für Straßen, Tor und zwei Eisenbahnbrücken keinen Pfennig. Durch den Wiederverkauf der mittlerweile im Wert gestiegenen Restgrundstücke um den Bahnhof und an der Bahnlinie konnte die B.A.E. sogar einen Überschuß von 9209 Talern erwirtschaften. (4)

Die Rückansicht des alten Anhalter Bahnhofs nach einen Stich von Rosenbaum und Holtzmann (2)

siehe auch: https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/entwicklung-der-eisenbahn-in-berlin/

Vom Tempelhofer Niederland zur Tempelhofer Vorstadt

Johann Heinrich Hintze (1800–1861), Blick vom Kreuzberg, 1829

Illustrirter Fremdenführer durch Berlin und Potsdam. Mit einer Schilderung des Berliner Volksleben, etc, Hans WACHENHUSEN, 1858 :

Das (…) Gebiet(…) bis zum Landwehrkanal war bereits 1861 als „Tempelhofer Vorstadt“ Berlin einverleibt worden. Davor gehörte es zur Tempelhofer Feldmark und war als Unter- oder Niederland bekannt. Im Norden wurde es durch den schon 1450 erwähnten Floßgraben begrenzt, dessen Verlauf infolge der Anlage des Belle-Alliance-Platzes im Jahre 1734 verändert wurde. Die von ihm bewirkten häufigen Überschwemmungen endeten erst mit dem Bau des Landwehrkanals 1845/50.

Die wenig fruchtbare Ebene bewirtschafteten die Tempelhofer Bauern seit alters z. gr. T. in Dreifelderwirtschaft, wobei ein Teil der Fläche als Koppel diente. Die Aufteilung der Flur erfolgte erst 1832. Einen genauen Einblick in diesen Vorgang gewährt die Separationskarte1, aus der wir auch die Namen der beteiligten Bauern entnehmen können, unter denen sich die aus der Tempelhofer Geschichte bekannten Familien Berlinicke, Bredereck, Schulze, Dilges, Dunkel und Grunack befanden. Das Krug- und Lehnschulzengut, die Kirche und einige Kossäten (Fuhrmann und Hoeft) besaßen ebenfalls Anteile am Unterland. Gemeinsamer Besitz der Bauern blieben bis 1856 der Upstall und ein als „Mist“ bezeichnetes Stück Land im Winkel zwischen Mühlenweg (heute Obentrautstraße) und dem nicht mehr erhaltenen Weg nach Schöneberg, der einst von der Obentraut- Ecke Großbeerenstraße ausging. Bei der Bezeichnung „Mist“ wird es sich um einen Platz für die Abfallstoffe gehandelt haben, die die Bauern aus Berliner Senkgruben holten. Der Upstall war eine umfriedete Weidefläche, auf der das Vieh im Sommer übernachtete.

Bald nach der Separation war ein schmaler nördlicher Streifen des Upstalls an das Kriegsministerium zum Bau einer Kaserne abgetreten worden. Für die Nachthütung verblieb ein Gebiet zwischen dem heutigen Mehringdamm, der Hagelberger, Großbeeren- und Yorckstraße. Dieses restliche Upstallgelände wurde 1856 an die Bauern aufgeteilt. Sie gaben damals für die Anlage der geplanten Straße (der späteren Großbeerenstraße) kostenlos Land ab und verkauften bald ihre schmalen Landstreifen an interessierte Privatleute. — Der Fiskus hatte bereits um das Jahr 1735 einen Streifen am Floßgraben, unmittelbar an der damals von Friedrich Wilhelm I. angelegten Akzisemauer erworben und einen Hasengarten eingerichtet. Um die gleiche Zeit entstand vor dem Halleschen Tor der erste Kirchhof, dem weitere folgten. Sie gehören der Jerusalem- und Neuen Kirchgemeinde, der Dreifaltigkeitsgemeinde, der Böhmischen und Brüdergemeinde. Auf ihnen ruhen die Repräsentanten von Kunst und Wissenschaft im alten Berlin. — Als nächstes wurden die Holzplätze vor die Tore verlegt, es folgten die Mühlen auf dem Randabbruch des Teltow, am Südrand der Tempelhofer Berge. An jene Zeit erinnert der Name Mühlenweg für die heutige Obentrautstraße. In den Gärten westlich des Halleschen Tores gab es seit 1804 eine Kattunfabrik.


Auf dem kahlen Sandberg im Süden, dem einstigen kurfürstlichen, später Götzschem Weinberg, wurde 1821 das noch heute erhaltene Denkmal (von Schinkel geschaffen) zur Erinnerung an die Freiheitskriege 1813—15 eingeweiht. Das „Eiserne Kreuz“ auf der Spitze des Ehrenmals gab dem Berg und 1920 auch dem neuen Bezirk den Namen Kreuzberg. 1825 wurde am Halleschen Tor eine Erziehungsanstalt (heute Postgelände) und 1842 das Rotherstift (heute Stand des Kaufhauses Hertie) gebaut. An dem wenige Jahre später fertiggestellten Schiffahrtskanal erwarben Holzhändler und Fabrikanten von den Bauern Grundstücke. Auf der Südseite des Kanals, zwischen heutiger Möckern- und Ruhlsdorfer Straße gab es die Friedheimsche Orleansfabrik (Weberei und Färberei), Stöckers Pianofortefabrik und die Schraubenfabrik Friedberg. Zwisehen 1850 und 1853 wurde als größtes Gebäude vor dem Halleschen Tor, am heutigen Mehringdamm, eine Kaserne für die Gardedragoner errichtet, jetzt Sitz des Finanzamts Kreuzberg.

Dieser allmählichen Erschließung der Gegend folgte in den 60er und 70er Jahren eine schnelle Entwicklung zum Wohnviertel. Bebauungspläne bestanden schon vor dem Inkrafttreten der Eingemeindungsverordnung von 1861. So basiert der von James Hobrecht aufgestellte Gesamtberliner Bebauungsplan (1) in unserer Gegend auf Plänen vom 28. 4. 1848 und vom 7. 5. 1856. Er mußte aber später teilweise geändert werden, weil die Eisenbahngesellschaft für den Bau der Anhalter Bahn umfangreiches Gelände westlich der Militärstraße (heute Möckernstraße) erwarb und damit die Weiterführung der geplanten Straßen nach Westen blockierte. Es entstand eine Trennungslinie zwischen dem westlichen Teil Berlins und dem heutigen Bezirk Kreuzberg. Die einzigen Verbindungen nach Westen sind die Yorckstraße und das Hallesche Ufer. Die geplanten Straßen in der Umgebung des Ehrenmals auf dem Kreuzberg sollten nach Schlachtorten und Feldherren der Befreiungskriege benannt werden.

(…) Die Preußische Verfassung von 1850 sicherte den Grundbesitzern das Eigentum und die freie Verfügung darüber. Es bestand zwar ein absolutes Enteignungsrecht, man war jedoch unsicher, wer eine Enteignung veranlassen konnte. Klare Verhältnisse schuf erst 1875 das Fluchtliniengesetz. Es besagte, daß das zum Straßenbau benötigte Land unbebaubar sei und enteignet werden könne. Die Stadt konnte bis zum Inkrafttreten dieses Gesetzes nur hoffen, daß die Grundstücksbesitzer den Vorteil einer Straße erkennen, sich einigen und bereitfinden würden, das Straßenland unentgeltlich abzugeben.

1 Der Bebauungsplan nahm keine Rücksicht auf die Grenzen der Parzellen. Es ergaben sich deshalb bei der Planausführung erhebliche Schwierigkeiten. Eine kritische Würdigung des Hobrecht-Plans bringt Ernst Heinrich: Der Hobrechtplan. In: Jb. f. brand. Lg. 1962, S. 41 ff.