Kartoffelrevolution

21.—23. April 1847 – Selbsthilfeaktion Berliner Werktätiger gegen die nach der Mißernte von 1846 und mit der Wirtschaftskrise von 1847 um das Ein- bis Fünffache gestiegenen Preise für Lebensmittel, besonders für Brot und Kartoffeln.
1846 wurden in Preußen 47 Prozent weniger Kartoffeln und 41 Prozent weniger Korn als sonst üblich geerntet. Folglich werden für 1 Metze Kartoffeln (ca. 2-2,5kg), die gewöhnlich 1 Groschen kostet, im März 1847 bereits 3 und im April sogar 4 Groschen verlangt.
Die Roggenpreise steigen von 1845 bis 1847 über 80 Prozent. Zu den Preissteigerungen gesellen sich Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und eine Wirtschaftskrise im Textilgewerbe, aus dem ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung Berlins seinen Unterhalt bezieht. Und schließlich kommt noch ein anhaltender Winter mit viel Schnee und Kälte hinzu.
Not und Elend der werktätigen Massen erreichen nicht gekannte Ausmaße.
Der Magistrat errichtet für besonders Bedürftige öffentliche Suppenküchen, läßt täglich 6000 Brotmarken ausgeben.
Die Hospitäler, das Arbeitshaus, die Gefängnisse sind überfällt, die Bettelei ist trotz aller Verbote und Festnahmen nicht mehr zu unterbinden.
Mitte April steigt auf den Berliner Märkten der Kartoffelpreis pro Metze auf fünf Groschen.

Als am 21. April auf dem Molkenmarkt und auf dem Gendarmenmarkt sogar sechs Groschen verlangt werden und einige Händler im Vertrauen auf die sie schützende Marktpolizei die Käufer noch verspotten, läuft das längst volle Maß über. Ausgehungerte wütende Frauen stürzen sich auf die Stände, schneiden die Kartoffelsäcke auf und bemächtigen sich der so dringend notwendigen Nahrungsmittel.
Schnell greift die Aktion auf andere Märkte — am Dönhoffplatz, am Rosenthaler Platz und am Oranienburger Tor — über und richtet sich auch gegen Bäcker- und Fleischerläden. Am Nachmittag nimmt der Menschenauflauf noch zu. Polizei- und Militärpatrouillen, die zu Hilfe geholt werden, sind machtlos. Erst gegen 23 Uhr kann die erregte Menge von Kavallerie, die mit Säbeln brutal auf die Menschen einschlågt und viele verwundet, auseinandergetrieben werden. Tags darauf strömen Massen Hungernder, vor allem aus den Vorstädten, ins Stadtzentrum, durchziehen den ganzen Tag die Straßen, besetzen die Märkte und stürmen die Läden einiger als besonders gewinnsüchtig bekannter Bäcker, Fleischer und Lebensmittelhåndler. (1-Roland Bauer)

Mit der Plünderung auf den Märkten war der Lärm nicht beendet, er begann vielmehr erst damit. Die Arbeiter rotteten sich zusammen.
Eine wilde Schar, welche zum großen Teil aus Weibern bestand, zog durch die Straßen, um die Bäcker- und Fleischerläden zu plündern. Sie verband sich mit den vor bitteren Hunger zum Verbrechen Getriebenen, und wo diese nur Brot und Fleisch für die Kinder daheim raubten,
stürmten jene die Konditor- und Zigarrenläden. Geld war ihnen lieber als Ware, sie erbrachen die Ladenkasssen in einzelnen Geschäften. Erst spät am Abend gelang es der Polizei, die Ruhe wieder herzustellen. Schon früh am Morgen des 22. April wiederholten sich die Straßenskandale in verstärktem Maße. Aus den Vorstädten zogen singend und jubelnd große Massen nach dem Alexanderplatz, wo Markt abgehalten werden sollte. (…) Der Polizeipräsident und die städtischen Behörden hatten Bekanntmachungen erlassen, in welchen sie das Volk von Berlin zur Aufrechterhaltung der Gesetze aufforderten und darauf hinwiesen, daß die Gewalttaten nur dazu dienen könnten, die Verkäufer von den Märkten fern zu halten und dadurch die Preise zu erhöhen. Alle solche Ermahnungen aber waren fruchtlos. Auf dem Alexanderplatze wiederholten sich die Scenen des gestrigen Tages. Der Aufruhr gewann sogar einen so gefährlichen Charakter, daß die Ladenbesitzer in vielen benachbarten Straßen die Geschäfte schlossen und die Türen verrammelten, um sich vor Überfällen zu sichern. Den Bäckern nutzte dies nichts, denn ihre Läden wurden trotzdem erstürmt, auch einige andere Geschäfte wurden geplündert. Der Tumult gewann eine solche Ausdehnung, daß Militär einschreiten und die Königsstraße sperren mußte.
Während dies aber hier geschah, wurden in anderen Stadtgegenden die Läden ungestört geplündert. (2 – Zeitzeuge Adolf Streckfuss)

Am 21. April 1847 reichte dann ein geringfügiger Anlaß, nämlich überteuerte „Kartoffeln, die noch dazu klein wie Nüsse waren“ und von einer Bauersfrau auf dem Wochenmarkt auf dem Belle-Alliance-Platz angeboten wurden, um die angestaute Wut zum Ausbruch kommen zu lassen. „Mehrere Weiber“ fielen über die Bäuerin, die zusätzlich durch „derbe Antworten“ provoziert hatte, „her und prügelten sie durch“. Die wütenden Frauen „zerschnitten Säcke mit Kartoffeln“ und bemächtigten sich derselben“. Dieser Markttumult, durch den die ,Kartoffelrevolution‘ ihren Namen erhielt, weitete sich rasch zu einer alle Berliner Stadtteile erfassenden Hungerrevolte aus. Die Hungerrevolte, die eigentlich keine .Kartoffel-, sondern eine Brotrevolution war, weil sie sich in erster Linie gegen Bäckerläden richtete, ging von den Vorstädten aus, in denen die Unterschichten lebten. Jubelnd und singend“ zogen „große Massen zerlumpten Gesindels“ von dort in das Zentrum der Stadt. Im Verlaufe der Excesse beschränkte sich der ,Pöbel‘ nicht mehr nur auf Angriffe auf Bäcker- und Fleischerläden oder Marktstände. Zunehmend gerieten Lokalitäten und Statussymbole der wohlhabenden Berliner Bürger ins Visier, „weil ihr Luxus Erbitterung erregte“. Die Konditoreien Kranzier und Spargnapani sowie mehrere renommierte Hotels wurden angegriffen, die Fensterscheiben des Opernhauses sowie einiger Kirchen zerschlagen. Da außerdem einige Fenster des Palais des Prinzen von Preußen eingeworfen wurden, glaubten manche Zeitgenossen (wohl zu Unrecht), es habe sich auch um „eine Demonstration“ gegen den designierten Thronfolger gehandelt, „da der Prinz […] allgemein als Haupthindernis einer freien Verfassung gilt.“ Am Abend des 21. April wurden außerdem vor dem Schauspielhaus mehrere vornehme Kutschen angehalten und die darin Sitzenden „unter dem Hohngelächter der Menge“ zum Aussteigen gezwungen. Die geringe Achtung vor höhergestellten Personen sollte allerds nicht mit grundsätzlicher Kritik am politischen System verwechselt werden. Indessen war bereits erkennbar, was 1848 eines der Kennzeichen der Revolution werden sollte: die Respektlosigkeit der Berliner Unterschichten vor vornehmen Leuten. 1847 blieb es freilich bei einem folgenlosen, vorpolitischen Protest. Zwar schrieen die am 22. April zum Alexanderplatz strömenden Menschenmassen Arbeitern, die ihnen begegneten, zu: „Wir wollen nach der Revolution!“ Der Begriff Revolution war jedoch nur ein Synonym für politisch noch diffuse Unzufriedenheit und als eine Art Kraftausdruck gedacht, mit dem man konkreten Forderungen mehr Nachdruck zu verschaffen gedachte. An einen Sturz der Hohenzollernmonarchie dachte niemand. Die Ordnungskräfte wurden von den Ereignissen vollkommen überrascht (obwohl es in Europa im Frühjahr 1847 überall zu ähnlichen Hungerrevolten kam). Die Berliner Gendarmen waren dem Ansturm nicht gewachsen; Militär wurde erst nach eineinhalb Tagen, am 22. April abends, zur Unterdrückung der Rebellion herangezogen. Daß insbesondere die herbeigerufene Kavallerie auf die Tumultanten scharf einhieb, mag zwar der raschen Wiederherstellung von „Ruhe und Ordnung“ in der Stadt gedient haben. Es verstärkte jedoch zugleich das Mißtrauen in den Unterschichten gegenüber dem Auftreten von Militärs sowie die gegenseitige Reizbarkeit. Erneuten „Mißverständnissen“, wie sie dann am 18. März 1848 entstehen sollten, war ein fruchtbarer Boden bereitet. Zugleich entwickelten sowohl das verängstigte Berliner Bürgertum als auch die alten Gewalten erste Pläne, wie man derartiger „Übergriffe auf das Eigentum“ für die Zukunft wirkungsvoller Herr werden könnte. Mit der Gründung der „Schutz- Kommissionen“ am 15. März und der Bürgerwehr am 19. März 1848 nahm man bereits während der Kartoffelrevolution diskutierte Ordnungskonzepte, die ihrerseits wiederum auf älteren Vorbildern fußten, dann erneut und erfolgreicher auf. (3 – Rüdiger Hachtmann)


Maschinenstürmer

(…) Lange Zeit blieben diese Revolten sowohl in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft als auch in der marxistischen Theorie unterbelichtet. Die mechanistische Fortschritts- und Modernisierungs-Emphase blockierte das Verständnis einer ganz eigenständigen und »unterhalb« der offiziellen Geschichte ablaufenden großen und militanten Massenbewegung, deren Konturen bis heute nur schemenhaft sichtbar sind. Teils hat sie, noch der mündlichen alten Volkskultur entsprechend, keine offiziellen und schriftlichen Zeugnisse hinterlassen, teils wurden diese Zeugnisse mit dem ganzen Haß der kapitalistischen Menschenverwalter und Einpeitscher der mechanistischen Weltsicht ausgetilgt, teils hat man sich aber auch gar nicht dafür interessiert, und viel dokumentarisches Material ist wahrscheinlich bis heute ungehoben oder müßte völlig neu interpretiert werden.

Aus der Sicht der späteren Arbeiterbewegung handelte es sich dabei immer nur um unvollkommene (und damit auch nicht ganz für voll zu nehmende) »Vorläufer«.(…)
Schon der vorindustrielle Kapitalismus der Verleger und Staatsmanufakturen war von zahlreichen Aufständen und sozialen Gegenbewegungen begleitet; die Revolte der schlesischen Weber war weder ein Einzelfall noch außergewöhnlich. Vielmehr handelte es sich nur um ein zufällig in der literarischen Verarbeitung herausgehobenes Durchschnittsereignis.

Bereits lange vor den großen Schüben der Industrialisierung galt die Formel der allgemeinen Destabilisierung: »Die Angst vor dem sozialen Ernstfall durchzog das 18. Jahrhundert […]. Es ging um Aufstand, Ausstand, Verabredungen, Tumulte, rebellischen Unfug – alles Begriffe, die letztlich nur verschiedene Formen desselben Ungewissen Zustands meinten« (Stürmer 1986, 153).(…)

Während die Spinner- und Weberaufstände auf dem Kontinent (berühmt geworden ist außer der schlesischen Revolte auch der Aufstand der Lyoner Seidenweber von 1831) noch der Nachklang des vorindustriellen 18. Jahrhunderts waren, entwickelte sich im industriell fortgeschrittenen England eine neue Sozialbewegung, die im Zuge der allmählichen Industrialisierung auch auf West- und Mitteleuropa übergriff und sich dort mit den älteren Formen der Handwerker-Revolten und allgemeinen »Brotunruhen« vermengte.(…)


Den Kern der sozialen Revolten bildete jedoch seit der Ersten industriellen Revolution die von England ausgehende neue Bewegung der »Maschinenstürmer« oder »Ludditen«, benannt nach »General Ludd«, einem legendären Anführer der militanten Strumpfwirker namens Ned Ludd oder Ludlam, von dem zweifelhaft ist, ob er real gelebt hat oder eine »Kunstfigur« und Imagination der sozialen Massenbewegung war.(…)

Größere Unruhen der verschiedensten Art und aus den verschiedensten Gründen hatte es in England laut Thompson bereits 1709, 1740, 1756/57, 1766/67, 1773, 1780, 1782, 1795 und 1800/01 gegeben, nicht gerechnet zahllose kleinere und lokal beschränkte aufrührerische Aktionen. Die Mittel waren Streiks, Demonstrationen, Brandstiftungen, Plünderungen, Drohbriefe und auch schon im 18. Jahrhundert Zerstörungen von Maschinen und Fabrikeinrichtungen:

»Die ersten Maschinen zum Wollscheren wurden 1758 von englischen Arbeitern zerstört« (Abendroth 1965,13), und »1769 wurde als Reaktion auf die Zerstörung einer mechanischen Sägemühle in London das erste Gesetz, das die Zertrümmerung von Maschinen und Zerstörung von Fabrikgebäuden unter Strafe stellte, vom englischen Parlament erlassen« (Wulf 1987, 20). Im Verein mit den Brotunruhen entwickelte sich dabei ein militant antiautoritärer Geist von offenbar hochorganisierten Gruppen, wie er sich etwa in einem gereimten Drohbrief von 1766 manifestiert (dokumentiert bei Thompson 1980, 119):

Wir sind eine kleine Armee von über 3000,
zum Kämpfen zusammengeschweißt.
Und, verdammt, wir werden’s schaffen,
daß des Königs Armee in die Hosen scheißt.

Wenn König und Parlament nicht besser handeln,
wollen wir England in einen Abfallhaufen verwandeln.
Und wenn die Dinge nicht billiger werden,
dann, verdammt, zünden wir das Parlament an
und machen alles besser auf Erden.

Diese militante Sozialrevolte wurde nun von den Ludditen in der Ersten industriellen Revolution während des frühen 19. Jahrhunderts wieder aufgenommen und über mehrere Jahrzehnte mit Höhepunkten in den Jahren 1811/12 und 1817 durchgehalten. In den Textilprovinzen Nottinghamshire, Yorkshire und Lancashire erhielten die Unternehmer massenhaft mit »General Ludd« unterzeichnete Drohbriefe, oft mit der wenig schmeichelhaften Anrede »Du verdammter Schweinehund«
(Thompson 1987/1963, 611) und mit Ankündigungen wie »daß wir eure Gebäude zu Asche verbrennen werden« (Thompson, a.a.O., 646 f.). Im März 1811 kam es in Nottingham zu großen Demonstrationen für Mindestlöhne und gegen die Einführung neuer Produktionsverfahren mit anschließenden »Maschinenstürmen«:
»Als die Demonstration der Strumpfwirker am 11. März 1811 von der Polizei gewaltsam niedergeschlagen worden war, zerstörten sie als Reaktion hierauf noch in derselben Nacht 60 Strumpfwirkstühle. Diese gewaltsamen Aktionen hielten fast ein Jahr lang an. Im Laufe dieser Zeit wurden etwa 1000 Strumpfwirkstühle zerschlagen sowie normwidrige Produkte vernichtet. Die Arbeiter gingen hierbei durchweg organisiert und planmäßig vor« (Wulf 1987,21 f.).
In Yorkshire, dem »zweiten großen Zentrum des Luddismus […] bestanden die Ludditen aus der bestorganisierten Gruppe hochqualifizierter Handwerker-Facharbeiter, den Tuchscherern« (Paulinyi 1983, 237). Hier ging es gegen die Einführung der gig-mill und des shearing-frame: Produktionstechniken, von denen die Tuchscherer nicht zu Unrecht Dequalifizierung und Absturz der Löhne befürchteten. Der Kampf eskalierte bis zum offenen Bürgerkrieg:
»Anders als die Strumpfwirker von Nottingham sahen sich die Tuchscherer von Yorkshire […] nicht allein mit Kleinbetrieben, sondern auch mit fabrikmäßigen Großbetrieben konfrontiert, die sich keineswegs einschüchtern ließen und denen ungleich schwerer beizukommen war. Im April 1812 nahmen die Ludditen die Kraftprobe auf und griffen mit 150 bewaffneten Leuten die Fabrik von William Cartwright in Rawfolds an. Cartwright war auf einen solchen Angriff vorbereitet und hatte in seiner Fabrik vorsorglich Soldaten und bewaffnete Arbeiter postiert. Als die Ludditen die Haupteingänge zu stürmen versuchten, wurden sie von Cartwrights Leuten zurückgeschlagen. Auf selten der Angreifer gab es Verletzte und zwei Tote. Hatten sich die Ludditen bis zu diesem Zeitpunkt auf die selektive Zerstörung von Maschinen beschränkt, so eskalierte nun, nachdem das erste Blut geflossen war, die Bewegung. Als Vergeltung für die zwei erschossenen Arbeiter ermordeten sie einen der verhaßtesten Unternehmer namens Horsfall, der provokativ verkündet hatte, er wolle >bis zu den Sattelgurten in Ludditenblut reiten< […] Durch diesen Mord verlor die Ludditenbewegung an Sympathie in der Bevölkerung, was wiederum zu einer weiteren Radikalisierung führte. Es kam nun zu Plünderungen und bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Die Bewegung weitete sich zunehmend aus zu einer Revolte gegen die durch Mißernten, Krieg und Wirtschaftskrise verursachte materielle Verelendung. Die Regierung antwortete hierauf mit massivem Truppeneinsatz und der Einführung der Todesstrafe für Maschinenzerstörung« (Wulf, a.a.O., 23f.). Offensichtlich besaß die »Armee der Gerechten«, wie sich die Ludditen auch nannten, durchaus weiterhin einen starken Rückhalt in der Bevölkerung; und Thompson ist der Auffassung, man dürfe auch nach den schweren militärischen Zusammenstößen »die Isolation, in die die Strumpfwirker und Scherer getrieben wurden, nicht überbewerten. Während der ganzen Zeit ludditischer >Ausschreitungen< besaßen die Maschinenstürmer in den Midlands und dem West Riding den Rückhalt der öffentlichen Meinung« (Thompson 1987/ 1963, 635). Trotz des Einsatzes regulärer Truppen gegen die eigene Bevölkerung (ein Glanzlicht in der Durchsetzung des marktwirtschaftlichen »laisser faire«) und der militärischen Niederlage von »General Ludd« gab es auch weiterhin Revolten, Streiks, Brandstiftungen und Maschinenzerstörungen bis in die 40er Jahre des 19.Jahrhunderts – im Grunde eine Begleitmusik zur gesamten Geschichte der Ersten industriellen Revolution in Großbritannien. (…)

»Ihre beliebte Weise des sozialen Krieges ist die Brandstiftung […] im Winter 1830/31 […] wurden den Pächtern die Korn- und Heuschober auf den Feldern, ja die Scheunen und Ställe unter ihren Fenstern angezündet. Fast jede Nacht flammten ein paar solcher Feuer und verbreiteten Entsetzen unter den Pächtern und Grundeigentümern. Die Täter wurden nie oder selten entdeckt, und das Volk übertrug diese Brandstiftungen auf eine mythische Person, die es Swing nannte. Man zerbrach sich die Köpfe darüber, wer dieser Swing sein möge […] Seit jenem Jahre haben sich die Brandstiftungen mit jedem Winter […] wiederholt. Im Winter 1843/44 waren sie wieder einmal außerordentlich häufig« (Engels, a.a.O., 478).

Bei »Swing« handelte es sich offensichtlich um eine »General Ludd« verwandte Figur, und die Legendenbildung zeigt, wie tief verwurzelt die Rebellion gegen den Kapitalismus und seine Erste industrielle Revolution in den Volksmassen war. Noch 40 Jahre nach der Niederschlagung der Ludditen sprach man »von mitternächtlichen Treffen, militärischen Übungen und aufrührerischen Reden« und von 1812 vergrabenen ludditischen Waffen, die »in den späteren Krisen wieder ausgebuddelt wurden« (Thompson 1987, 579). Diese Geschichte eines militanten und geradezu heroischen Widerstands wird gewöhnlich sowohl von der liberalen als auch von der marxistischen Theorie (wenn auch mit unterschiedlichen Akzentsetzungen) als »rückwärtsgewandte« und »sinnlose« Auflehnung gegen die »unvermeidliche Modernisierung« betrachtet. (…)

Auf keinen Fall waren diese Sozialrevolten primitive Spontanaktionen von »irrational reagierenden« Analphabeten, wie es z. B. noch bei Abendroth erscheint. Vielmehr handelte es sich um weitreichende Organisationen mit Wachposten, Kurieren und Korrespondenzen, die nicht bloß maskiert und verkleidet als bewaffnete Gruppen in zahllosen gewagten Kommandounternehmen auftraten, sondern auch programmatische Diskussionen über die Zukunft der Gesellschaft führten.
Ihre geheimen Anführer waren nach Berichten und Zeugnissen »scharfsinnig und humorvoll; einige von ihnen gehörten nach den Londoner Handwerkern zu den belesensten der > arbeitsamen Klassen
[…] < (Thompson 1987/1963, 630). (…)

Gerade in diesem Sinne eines erwachenden, weitergehenden Bewußtseins, und darauf hat nicht nur Thompson hingewiesen, waren die Ludditen keine blinden Maschinen- und Industriefeinde; so wollten die Tuchscherer ausdrücklich der Einführung der gig-mill zustimmen, »sofern sie von kompensatorischen, d. h. ihre berufliche Existenz absichernden Maßnahmen, begleitet wäre« (Wulf 1987, 23), und die Zerstörung von Maschinen wurde durchaus selektiv gegen die Scharfmacher der Lohnsenkung und der Fabrikschinderei betrieben, richtete sich also nicht gegen das Gerät als solches.

Im Grunde genommen wollten die Ludditen, daß das »wirtschaftliche Wachstum nach ethischen Grundsätzen geregelt und […] den menschlichen Bedürfnissen untergeordnet werden sollte« (Thompson 1987/1963, 640). Wenn sich diese Revolte daher »zu jedem Zeitpunkt zu einer Bewegung mit weitergehenden revolutionären Zielen hätte entwickeln können« (a.a.O., 641), so deshalb, weil sie kurz davor stand, die irrationale betriebswirtschaftliche »Vernunft« zu enttarnen und eine alternative, den benthamistischen Zurichtungen diametral entgegengesetzte Mobilisierung der neuen Produktivkräfte in einem tatsächlich »arbeitssparenden« und »wohlfahrtssteigernden« Sinne zu verlangen. (…)

Die Ludditen waren nur die relativ bewußteste und schlagkräftigste soziale Revolte und Massenbewegung gegen das Fabriksystem und die kapitalistischen Zumutungen überhaupt. Die erwähnten Bewegungen auf dem Kontinent, die noch mehr durch »Brotunruhen« als durch »Maschinenstürme« gekennzeichnet waren, blieben jedoch an antiautoritären Impulsen und SelbstbestimmungsMotiven nichts schuldig. Sogar in der vermieften deutschen Provinz gab es nicht nur passiven Sozialstolz, sondern weit über das punktuell hervorgehobene schlesische Ereignis hinaus aufmüpfige Handwerker, Fabrik- und Manufakturarbeiter und Teile der Landbevölkerung, die sich gegen soziale Degradation, »Pauperisierung« und Brotverteuerung wehrten. So kam es z. B. im April 1847 in Berlin zum sogenannten »Kartoffelaufstand« (Price 1992,27), und auf lokaler und regionaler Ebene sind zahlreiche ähnliche Revolten dokumentiert. Auch in den deutschen Staaten waren die »kollektiven Proteste und Protestdrohungen verwurzelt in überlieferten Bildern einer gerechten Ordnung« (Langewiesche 1992, 433). Was eben auch hier nur bedeutet, daß der Kapitalismus und die beginnende Industrialisierung als permanente Verschlechterung erlebt wurden. (…)

Abendroth, Wolfgang (1965): Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung, Frankfurt/Main

Engels, Friedrich (1976, zuerst 1845): Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen, in: Marx Engels Werke (MEW), Bd. 2, Berlin

Langewiesche, Dieter (1992): Wege zur Revolution, in: Borst, Otto (Hrsg.): Aufruhr und Entsagung. Vormärz 1815-1848 in Baden und Württemberg, Stuttgart

Paulinyi, Akos (1983): Die industrielle Revolution: Die Entstehung des Fabriksystems in Großbritannien, in: Schneider, Helmuth (Hrsg.): Geschichte der Arbeit. Vom alten Ägypten bis zur Gegenwart, Frankfurt/ Main-Berlin-Wien

Price, Roger (1992): 1848. Kleine Geschichte der europäischen Revolution, Berlin

Stürmer, Michael (Hrsg.), (1986): Herbst des alten Handwerks. Meister, Gesellen und Obrigkeit im 18. Jahrhundert, München-Zürich

Thompson, Edward P. (1980): Plebeische Kultur und moralische Ökonomie. Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, Frankfurt/Main-Berlin-Wien

Thompson, Edward P. (1987, zuerst 1963): Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, 2 Bde., Frankfurt/Main

Wulf, Hans Albert (1987): »Maschinenstürmer sind wir keine«. Technischer Fortschritt und sozial demokratische Arbeiterbewegung, Frankfurt/ Main-New York

siehe auch: https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/unruhen-in-deutschland-geordnet-nach-typen-1816-1875/

UND:

Die Geburt des Fabriksystems: die Weber
Ausschnitt aus der ARTE-Doku, „Nicht länger nichts.“ Geschichte der Arbeiterbewegung (1/4) Fabrik

Die ganze Doku: https://www.youtube.com/watch?v=Pi33bug1YYU

Aufruhr in der Blumenstraße

1.Juli 1872. In der Blumenstraße, heute Neue Blumenstraße, begann der ‚Blumenstraßenkrawall‘. Im Haus Blumenstraße 52 war ein Tischler vom Exekutor* auf die Straße gesetzt worden. Als die Feuerwehr kam, um den Hausrat wegzuräumen, brachte das die Erregung der Menschen zum Überlaufen. Dem Hauswirt wurden die Fensterscheiben eingeworfen. Die berittene Polizei, eingesetzt, die 4.000 bis 5.000 Demonstranten auseinander zutreiben, wurde mit Steinwürfen empfangen. Eine Straßenschlacht kam in Gang, die bis 3 Uhr morgens andauerte. Am nächsten Morgen sprach sich die Nachricht herum, daß die Polizei damit begonnen hatte, die Obdachlosenbaracken am Frankfurter Tor niederzureißen. Der Aufruhr verbreiterte sich über das ganze Stadtviertel und dehnte sich über die Blumenstraße, die Frankfurter Straße, die Weberstraße und deren Querstraßen aus. Gaslaternen wurden eingeworfen, Rinnsteinbohlen ausgehoben und Barrikaden gebaut. Die anrückenden Polizeikräfte wurden mit Steinbombardements aus den Fenstern empfangen. Über 1.000 Polizisten sperrten das Aufruhrgebiet von den umliegenden Straßen ab. Zwei Batallione des Kaiser-Alexander-Regiments und zwei Schwadronen Gardedragoner standen mit scharfen Patronen bewaffnet zum Ausmarsch bereit. Nichtsdestoweniger breitete sich die Revolte weiter aus und ein regelrechter Guerillakrieg entfaltete sich. Das Polizeirevier Lange Straße wurde vom Volk gestürmt. Mit Mühe gelang es den Dragonern schließlich, die Unruhen zu unterdrücken… Die Polizei tat ihr möglichstes, auch die übrigen Baracken verschwinden zu lassen. Aber sofort entstanden neue, die wiedergestürmt wurden. So ging es bis in den August hinein …

*Die „Exmittierung“ – das damalige Wort für Räumung

zuerst erschienen im AUGUSTSTRASSEN-Blog am 2011-07-25

siehe auch: https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/revolte-in-berlin-ende-juli-1872/

Revolte in Berlin Ende Juli 1872

Schon vor Jahresfrist, als die Wohnungsnoth zuerst sich geltend machte, schwatzte alle Welt davon, daß Unruhen entstehen würden.
Aber das Berliner Volk ist sehr geduldig, und als die Prophezeihung sich nicht bestätigte, wiegten sich die bevorrechtetenKlassen in Sicherheit.
Augenblicklich ist in Berlin aber durch den geradezu grenzenlos steigenden Nothstand und den Uebermut der Hausbesitzer solcher Zündstoff angesammelt, daß jeder Funke zur Flamme auflodern muß.

Drei Tage lang war Berlin fast ohne Unterbrechung im Zustande der Revolte, die bald hier, bald dort in den einzelnen Stadtvierteln sich geltend machte.
Am Donnerstag ward ein armer Tischler in der Blumenstraße exmittirt und es entstand ein Auflauf, der bis tief in die Nacht hinein andauerte.
Nach 7 Uhr sammelten sich besonders zahlreiche Schaaren vor dem betreffenden Hause 51c. Einige Steinwürfe gegen die Fenster der Kellerwohnung, sowie die Schutzleute bedrohende Rufe gaben in der neunten Stunde das Signal zu einer gewaltsamen Säuberung der Straße bis nach der Kantstraße zu, welche durch berittene und Schutzleute zu Fuß bewirkt wurde. In den angrenzenden Straßen, der Straußberger- und Frankfurterstraße, wurden jetzt auf die in der Verfolgung begriffenen Schutzleute Steine geworfen. Mehrfache Verhaftungen erfolgten, doch erst gegen drei Uhr Morgens hatten sich die Massen nach und nach zerstreut.

Am Sonnabend fanden wiederum bereits während des Tages Konflikte mit den überall postirten Schutzleuten statt. Geradezu wie ein Funke auf ein Pulverfaß wirkte aber die folgende Proklamation der Polizei:
„Die Blumenstraße und Umgebung sind seit vorgestern der Schauplatz ernstlicher Ruhestörungen, welche die Schutzmannschaft bereits wiederholt zum Gebrauch der Waffe genöthigt haben. Das Polizeipräsidium warnt hierdurch eindringlich vor der Wiederholung, da alle Vorbereitungen getroffen sind, jeden Exceß energisch zu unterdrücken. Gleichzeitig ergeht an alle Einwohner das Ersuchen, ihre Kinder, Ange hörigen, Lehrlinge u.s.w. von der betreffenden Stadtgegend möglichst fernzuhalten, da, abgesehen von den im § 116 des deutschen Strafgesetzbuchs angedrohten Strafen, im Augenblick eines bewaffneten Einschreitens eine Unterscheidung zwischen Excedenten und Neugierigen unmöglich ist. Die Hausbesitzer werden im eigenen Interesse aufgefordert im Folie eines Tumultes vor ihren Häusern, diese und die darin befindlichen Läden und Verkaufskeller sofort zu schließen.
Berlin, den 27. Juli 1872. Königl. Polizei-Präsidium.: Frhr. v. Hertzberg.


Diese Proklamation, welche an allen Anschlagssäulen zu lesen war, erregte die Volksmassen nicht weniger, als den Tag zuvor das Niederreißen der Baracken, der Hinweis darauf, daß eventuell Unschuldige gleich Schuldigen niedergehauen würden, erinnerte an zahlreiche Falle, wo Tags zuvor Greise und Kinder schwer verletzt worden waren. Es sammelten sich wieder dichte Volksgruppen, und die Revolte war noch heftiger als Tags zuvor.

Die Polizei hatte für den Sonnabend Abend sogenannte umfassende Maßregeln getroffen. Gegen 400 Schutzleute zu Fuß und 200 zu Pferde
und eine Masse Polizei in Civil waren auf dem Schauplatz des Kampfes vertheilt; außerdem standen von 6 Uhr Abends an zwei Bataillone des Kaiser-Alexander-Garde- Grenadier-Regiments und zwei Schwadronen des 2. Garde-Dragoner-Regiments in ihren Kasernen mit scharfen Patronen zum Ausmarsch bereit.


Nichts desto weniger ward die Revolte noch größer als an einem der früheren Abende. Die Schutzmann schaft hatte ihr Hauptquartier wiederum an dem alten Ausgangspunkt des Krawalles,- Blumen- und Krautstraßenecke, aufgeschlagen und behauptete diese Stellung unver- ändert wahrend des ganzen Abends. Nur einige einzelne kleinere Posten waren in die nächsten Straßen hinein detachirt. Hier blieb Alles ziemlich ruhig. Nur ein paar Mal wurde gegen größere Trupps junger Knaben, welche der dreimaligen Aufforde- rung sich zu entfernen, nicht Folge gaben, dieselbe vielmehr mit Geschrei und Stein- hagel beantworteten, von der blanken Waffe Gebrauch gemacht. Dagegen gab es in den umliegenden Straßen sehr heftige Zusammenstöße. Es begann ein förmlicher Guerillakrieg. Bald hier, bald dort flogen aus irgend einem Fenster einer dritten Etage oder aus einer Mansarde Steine unter die Schutzleute, worauf das betreffende Haus sofort gestürmt wurde. Ein solcher Steinwurf zerschmetterte einem Schutzmann den Arm. In demselben Augenblicke, wo der Kommandeur der Schutzmannschaft, Oberstlieutenant von Tempsky, an den Minister des Innern meldete: „Die Situation hat sich wesentlich gebessert“, und wo er dem Herrn Polizei-Assessor Bürger den Auftrag gab, die zur Verfügung gestellten Militärmannschaften abzubestellen, — in demselben Augenblicke erloschen am Grünen Weg hinter dem Andreasplatze sämmtliche Laternen, zertrümmert von den Volksmassen und bald darauf nahm die Revolte in sämmtlichen Straßen östlich und nördlich von dem Hauptquartier der Schutzmannschaft überhand, ohne daß die Massen gesprengt worden wären. Drei Barrikaden wurden daselbst gebaut. So hatte die Volksmasse an der Ecke des Grünen Weges und des Küstriner Platzes wiederum aus Bohlen eine Barrikade konstruirt, wel- che sie erst verließ, als die Polizei das Hinderniß umging. Zu gleicher Zeit wurde das Lokal der Revierpolizei in der Langenstraße vom Volke gestürmt, wobei der dort anwesende Wachtmeister Kunze schwer verwundet worden ist. Auch auf zwei entfernte Stadttheile dehnte sich an dem selben Abende (Sonnabend) die Revolte aus. Ein sehr ernstlicher Krawall fand nämlich vor dem Hause Weinstraße 32 statt, das der Schutzmann Ernst als Vicewirth verwaltet. Ein etwa 1000 bis 1500 Köpfe starker Volks haufen hatte sich dort gesammelt, war gegen 11 Uhr gewaltsam in das Haus gedrungen und demolirte Alles, bis eine Abtheilung reitender Schutzleute ansprengte und- die Menge nach dem nahegelegenen Friedrichshain zurückdrängte.

Sodann kam es in der Gegend des Kottbusser Thores zu einem ähnlichen Zusammenstoß. Das Haus Skalitzerstr. 12, wo ein Miether exmittirt war, bildete den Kernpunkt des Angriffs. Die Polizei ertickte den Aufstand nur mit Mühe. Die Soldaten des Kaiser Franz-Regiments und eine Schwadron Garde-Dragoner waren deswegen in der Kaserne konsignirt, die letzteren mit gesattelten, jeden Augenblick zum Aufbruch bereiten Pferden und eine Abtheilung Dragoner wurde sogar zur Unterstützung der Polizei herbeigezogen. Die ganze Revolte endete wieder damit, daß sich gegen drei Uhr allmählich die Volksmenge zerstreute. Am Sonntag waren ein Drittel bis zur Hälfte sämmtlicher Mannschaften der Garde- Schützen, Garde-Dragoner, des Franz- und Alexander-Regiments in ihren Kasernen konsignirt und scharfe Patronen an die Mannschaften vertheilt. Diesmal hatte man aber die Polizei nicht in Masse auf den Straßen aufmarschiren lassen, und die Folge davon war, daß die Revolte ihr Ende fand. — Der exmittirte Miether, der unschuldigerweise die Berliner Revolte verursacht hat, Herr Harstark, Blumenstraße 51 c, hat uns zur Einsicht seinen Miethskontrakt, der auf 3 Jahre lautet und am 1. Oktober 1872 abläuft, nebst dem Quittungsbuch vorgelegt. Danach ist die Mittheilung der Presse, daß Harstark wegen rückstandiger Miethe exmittirt sei, vollständig unwahr, da derselbe seinen Verpflichtungen pünktlich nachgekommen ist. Harstark hatte nämlich laut Kontrakt vierteljährlich postnumerando zu zahlen. Der Hauswirth aber hat nach den weiteren Mittheilungen des Exmittirten die Wohnung zu höherem Preise vermiethen können und Anstoß an einem Aftermiether genommen, der aber schon längere Zeit unbeanstan- det durch den Hauswirth miteinwohnte.

Neuer Social-Demokrat, 31.7. und 2.8.1872

1848 – Erstürmung des Zeughauses

Arbeiter und Handwerker erstürmen das Zeughaus und bemächtigen sich der dort gelagerten Waffen, 14. Juni 1848

Juni: Nachdem der Magistrat am Vortag dem demokratischen Klub verboten hat, Geld für Bedürftige zu sammeln, steigert sich die Erregung der Massen. Mittags drängen sie zum Schloß und reißen die dort neu angebrachten Metallgitter ein. Als Bürgerwehr am Brandenburger Tor Arbeitslose mit Waffengewalt daran hindert, die Stadt zu betreten, wird erneut der Ruf nach Waffen laut. Eine schnell gebildete Delegation, begleitet von einer großen Menschenmenge, bringt diese Forderung dem Kommandeur der Bürgerwehr und dem Kriegsminister zur Kenntnis. Als schließlich die Bürgerwehr beim Zeughaus auf das Volk schießt, zwei Arbeiter tötet und mehrere verwundet, bricht der Sturm los. Arbeiter und Handwerker dringen in das von Bürgerwehr und Militäreinheiten besetzte Zeughaus ein und bemächtigen sich der dort gelagerten Waffen. Doch die Selbstbewaffnung bleibt nur eine spontane Verzweiflungstat. Unzureichende Organisation und mangelnde Kenntnis der notwendigen nächsten Schritte führen zur Niederlage dieser Aktion. Damit ist auch der ernsthafteste Versuch, die Revolution außerhalb des Parlaments weiterzutreiben, gescheitert.

18.-20. Juni: In Absprache mit dem Zentralkomitee für Arbeiter findet auf Einladung des Handwerkervereins in dessen Vereinsgebäude, Johannisstraße 4, der 1. Kongreß deutscher Handwerker- und Arbeitervereine statt. An ihm nehmen 69 Delegierte teil, die 91 Vereine in 72 Städten vertreten. Die Absicht des Zentralkomitees, den Kongreß zur Begründung einer überregionalen Arbeiterorganisation zu bewegen, mißlingt.

Zuerst erschienen im AUGUSTSTRASSEN-Blog, 2010-06-22

update 28.03.20

Beim Sturm aufs Berliner Zeughaus am 14. Juni 1848 entwendet der Pöbel 1000 Exemplare Zündnadelgewehre. Die praktische Volksbewaffung hat nur einen kleinen Fehler: Der noch geheimere Kern des Systems, Dreyses sogenannte Einheitspatrone, lagert zur Sicherheit zwei Kilometer entfernt im Artillerielaboratorium vor dem Oranienburger Tor.

siehe: https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/dreyse-zuendnadelgewehr/

1848 – Barrikadenkämpfe in Berlin

Heutzutage beziehen sich alle deutschen politischen Parteien auf diese Märzrevolution, doch die heutige Geschichtsschreibung reduziert die 48er Revolution einseitig auf die parlamentarische Tradition – die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche und nicht die Barrikadenkämpfe in Berlin.

Die Rezeption der Geschichte der Straßendemokratie findet nicht statt.

Die Barricade an der Kronen- und Friedrichstraße am 18.März 1848 –
F.G. Nordmann, Farblithograpie, Berlin, 1848

Barrikaden am 18.März 1848 in Berlin – Einzeichnung in den heutigen Stadtplan

13.März
Volksversammlung „Unter den Zelten“ mit 10000 Teilnehmern. Als die Massen durch das Brandenburger Tor heimkehren, werden sie von Kavallerie auseinandergetrieben, mehrere Verletzte, 1. Barrikade in der Grünstraße.

14.März
Bekanntmachungen von Magistrat und Polizeipräsidium fordern das Volk zur Ruhe auf.
Der König empfängt nachmittags die Deputation der Behörde unter Leitung von Oberbürgermeister Krausnick.
König: der Landtag sei schon für den 27. 4, einberufen; die übrigen Forderungen könne nur der Landtag gewähren. Diese Stellungnahme wird abends in der Stadt veröffentlicht.
Abends brutales Vorgehen der Kavallerie gegen spazierengehende Bürger. Proteste angesehener Bürger (…) heftige Straßendiskussionen, angeregt auch durch die Nachricht der Wiener Revolution. Als Militär anrückt, fliegen die ersten Pflastersteine. Es werden kleinere Barrikaden gebaut, niemand hat Waffen, um sie zu verteidigen. Es wird der Ruf nach Waffen laut. Es gibt nun bereits mehrere Tote.

16.März
Überall diskutierende Gruppen über die Ereignisse der letzten Tage. Es verbreitet sich eine Revolutionsbegeisterung, verstärkt durch die Wiener Revolution. Eine Ministerkonferenz beschließt die Bildung bürgerlicher Schutzkommissionen mit amtlichem Charakter: Einsetzung von „Schutzbeamten“ mit weißen Armbinden und weißem Stock. Die Stadtverordneten akzeptieren die Schutzbeamten, fordern gleichzeitig eine Bürgerwehr (ausschließlich aus Bürgern gebildet). Die Schutzbeamten werden nicht ernst genommen, abends wieder Militäreinsatz, Schüsse in die Menge, wieder Tote und Verwundete.

17.März
Schon frühmorgens viele kleinere Versammlungen: es geht um Arbeiterforderungen nach Arbeit, mehr Lohn, Schutz durch den Staat, Arbeiterministerium. In den Mittelpunkt rückt die notwendige Volksbewaffnung. Nachmittags Versammlung der Schutzbeamten: dem König sollen die Volkswünsche am 18., 14 Uhr, durch eine Deputation, mächtige Demonstration und Kundgebung vorgetragen werden. Die Schutzbeamten verbreiten diesen Beschluß rasch in der Stadt.

18.März
Vormittags läßt der Magistrat in der Stadt verbreiten, ein Gesetz über die Pressefreiheit sei bereits gewährt, der Landtag schon zum 2. 4. (vorher erst zum 27. 4.) einberufen, weitere freiheitliche Gesetze würden vorbereitet. Gegen Mittag 10 000 auf dem Schloßplatz, teils um den Beschluß der Schutzbeamten auszuführen, teils um dem König, wegen der Liberalisierung zuzujubeln. Im Schloßhof wird Militär entdeckt, deshalb wird gerufen: „Militär zurück! Die Soldaten fort!“ Der König gibt den Befehl, den Schloßplatz von den Massen zu säubern. Die Kavallerie rückt mit gezogenen Säbeln wor. Es fallen 2 Schüsse. Es wird niemand verletzt, aber das Volk fühlt sich verraten und bedroht.

Es entstehen rasch Barrikaden, Waffen werden durch Einbruch in Waffenläden und durch Entwaffnung der Wachmannschaften besorgt. Der Kampf dauert vom Nachmittag an die ganze Nacht hindurch bis zum 19. morgens 5 Uhr. Das Militär hat wichtige Teile der Stadt besetzt. 183 Barrikadenkämpfer sind gefallen, die meisten jüngere Handwerker und Lohnarbeiter, auch 5 Frauen. Die Truppen erhalten den Befehl, nicht mehr weiter anzugreifen. Der König erläßt eine Proklamation, worin er den revolutionären Kampf des Volkes als eine verräterische Aktion ausländischer Agenten darstellt. Die Berliner zerreißen diese Zettel.
Im Laufe des Vormittags ziehen sich die Truppen auf königlichen Befehl zurück, verlassen die Stadt unter dem Siegesjubel des Volkes. Graf Arnim wird mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Eine Massenversammlung auf dem Schloßplatz setzt die Freilassung aller gefangenen Barrikadenkämpfer durch. Zum Kommandanten der Bürgerwehr wird der Polizeipräsident v. Minutoli vorgeschlagen, der zusammen mit Dr. Woeniger u. a. die Leitung annimmt.
Die Bürgerwehr wird mit Waffen und Uniformen ausgestattet, übernimmt noch am selben Tag die Schloßwache. Die in Berlin gebliebenen Truppen ziehen sich in die Kasernen zurück.
Zur Feier des Sieges wird die Stadt am Abend beleuchtet. Tanz auf den Straßen, Umtrünke, politische Versammlungen, Straßendiskussionen.
In der Nacht kommen die freigelassenen Barrikadenkämpfer aus Spandau zurück, wo sie mißhandelt worden waren.

20.März
Graf Arnim bleibt trotz seiner konservativen Gesinnung Ministerpräsident, erläßt den Befehl an die Beamten, sie sollen sich in möglichst hoher Zahl an der Bürgerwehr beteiligen, was auch geschieht.
Nachmittags Jubel des Volkes über die Amnestie aller wegen politischer Pressevergehen Verfolgter, Freilassung der revolutionären Polen, die 1847 verurteilt worden waren. Die Polen machen einen großen Triumphzug: Mieroslawski steht auf einem Wagen, hält die deutsche Revolutionsfahne, Zug zur Universität und zum Schloß, begeisterte Verbrüderungsszenen.

aus: Adolph Streckfuß, Die Demokraten


DER ANFANG DER BERLINER REVOLUTION
Das Beispiel der Bevölkerung von Paris Februar 1848 wirkte anregend auf die Berliner. Besonders die Barrikadenkämpfe wurden in wochenlangen Diskussionen vorbereitet.
„Von vorzüglicher Wichtigkeit war damals für das öffentliche Leben ein neu entstandenes großartiges Lese-Kabinett, weiches der Besitzer der Zeitungshalle, H. Julius, in Verbindung mit seiner neuen Zeitung eingerichtet hatte. Die Zeitungshalle, welche im Mittelpunkt der Stadt günstig gelegen war – sie befand sich in der Belle-Etage des Hauses an der Jäger- und Wallstraßen-Ecke – war der Sammelpunkt für eine große Anzahl von Berliner Schriftstellern und freisinnigen Politikern. Hier wurde mit einer Freiheit politisiert, wie sie bis dahin in Berlin unerhört gewesen war. Man sprach ganz unbefangen über die Pariser Barrikaden und benutzte das Thema, um daran förmliche Vorlesungen über den Barrikadenbau zu knüpfen.“
Beim Ausbruch der Revolution stellte Streckfuß einen Punkt positiv heraus, um den es ihm während des ganzen Jahres ging: den zum Sieg der Demokratie unerläßlichen Zusammenhalt von Bürgern und Arbeitern.
„Hier sah man zwei Männer einen schweren Balken tragen, der eben zu einer angefangenen Barridade benutzt werden sollte. Der vorderste war ein Arbeitsmann mit zerrissener Bluse, der andere hingegen ein Herr mit schwarzem Frack und feinem Hut, dessen goldene- Uhr und brillantene Tuchnadel deutlich genug für seinen Stand sprachen. An jenem schrecklichen, an jenem schönen Abend war alles gleich. Jeder war bereit, sein Leben im Kampfe für die Freiheit aufs Spiel zu setzen.“
Entsprechend dieser egalitären Begeisterung, die bis in den Sommer hinein anhielt, sprach sich Streckfuß in seinen Werken immer wieder für die Achtung der Proletarier aus. Doch die ungelöste Arbeiterfrage, die unter dem Schlagwort „die Organisation der Arbeit“ diskutiert wurde stellte den Zusammenhalt von Arbeitern und Bürgern dauernd in Frage. Der Wochenlohn eines Arbeiters lag damals in Berlin bei ungefähr 2 Talern, was kaum fürs Brot reichte. Wer krank oder arbeitslos wurde, mußte betteln oder stehlen, um nicht zu verhungern. Als Mittel zur Abhilfe dieser Not empfahl Streckfuß das Recht auf Arbeit.
Die Regierung und der Magistrat beschäftigten rund 5 500 Arbeitslose bei Notstandsarbeiten. Doch auch so war die soziale Frage nicht zu lösen, und die Einheit von Bürgern und Arbeitern zur Abwehr der Reaktion blieb gerade wegen den verelendeten Massen brüchig.
Auch bei Wolff ist zu lesen, daß ein großer Teil der Bürger ebenfalls unter Waffen stand (Wolff, 1898, S. 106). Bartnik/Bordon, 1976, meinen dagegen, das Bürgertum habe die Barrikadenkämpfe nur passiv unterstützt (S. 54b). Der Hinweis auf Zeitungsberichte soll mit den Gefallenenlisten gestützt werden, die vorwiegend Handwerker und Lohnarbeiter nennen. Handwerker sind aber doch wohl zum Teil zum Bürgertum zu rechnen.

DIE STRASSEN – „DIE POLITISCHEN SCHWERTER BERLINS“
Die Berliner Revolution erhielt wesentliche Anstöße von der sogenannten Straßendemokratie. Hier beteiligten sich vorwiegend Arbeiter, die freilich auch in den demokratischen Klubs, die nach den Barrikadenkämpfen entstanden, zahlreich vertreten waren. Das Leben der Straßendemokratie hat Streckfuß in den „Demokraten“ spannend zu schildern verstanden.

„DIE LIEBENSWÜRDIGSTE ANARCHIE“
Die Straßendemokratie prägte den Massen die Idee der Demokratie eindrücklicher ein, als es ein politischer Klub je vermochte.
„Diese freien Diskussionen auf Straßen und Plätzen waren nicht nur Tummelplätze für Nichtstuer, sie erzogen auch zu politischem Denken und gegenseitiger Duldsamkeit.“ 32)
So hat die Bezeichnung des Jahres 1848 als „die liebenswürdigste Anarchie“, wie sich Streckfuß 1850, beim Beginn des Reaktionszeitalters ausdrückte, etwas Sympathisches an sich. Diese revolutionäre Anarchie ist freilich nicht zu verwechseln mit Schreckbildern, wie die Herrschenden sie zu verbreiten belieben. Sie bedeutet viel eher, unter der Überschreitung allgemein verhaßter Einengungen, zugleich die kollektive Aufrechterhaltung eines von der übergroßen Mehrheit gewünschten Zustandes. Besser als je die Polizei garantierte das bewaffnete Volk die Anerkennung einer Sicherheit, ohne die sich der Kampf nicht durchhalten ließ.
„Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß an jenem 18. März, an dem Tage, an welchem das Volk sich ganz selbst überlassen, keiner polizeilichen Aufsicht unterworfen war, an welchem das hauptstädtische Diebesgesindel die beste Gelegenheit zu stehlen gehabt hätte, doch nirgend etwas anderes als Waffen genommen wurde.

Kommentar von Hellmut G. Haasis auf dem AUGUSTSTRASSEN-Blog 2009:
wo ist denn der alte roman von Adolf Streckfuß: die Demokraten. hingekommen? das war das beste buch zu den wirklichen demokratenkämpfen, nicht zu den sesselfurzern in allen möglichen schlafwagen-gremien.
hab ich mit hartmut boger rausgegeben. Wenn wir mal nicht mehr leben, erwarten wir einen gedenkkrank der berliner 48er-fans an unserem grabhügel. Übrigens war Streckfuß sehr weitsichtig, er beobachtete, wie sich auch schon damals neben der demokratie die kriminellen kreise in den VERBRECHERKELLERN tummelten.
na wer sagt’s, ein guter romanautor kann sogar die KRIMINELLEN BÄNKER vorausbeschreiben.
hoch die wirkliche demokratie, die der kleinen leute.
cordiali salut
hellmlut g. haasis

Zuerst erschienen im AUGUSTSTRASSEN-Blog, 20.07.2008

Unruhen in Deutschland, geordnet nach Typen 1816-1875

Mangel an Nahrung und Wohnung, Proteste gegen Verelendung und schlechte Arbeitsbedingungen kennzeichneten das 19. Jahrhundert.

Studenten
Universität
ReligionPolitikSozioöko-
nomisch
andereSumme
1816-18291394329
1830-1839132072283136
1840-184751733103158
1850-185951561215107
1860-187512177322133
SUMME378224718710563

‚ Studenten waren entweder Hauptakteure oder Studenten- bzw. Universitätsangelegenheiten waren Hauptobjekt des Konflikts.

‚ Religion war, zumindest vorgeblich, Hauptobjekt des Konflikts.

‚ Der Protest war gegen den Staat mit seinen Organen gerichtet, um politische Änderungen durchzusetzen (Auswechseln eines bestimmten Staatsbeamten, Durchsetzung eines neuen Gesetzes

‚ Gewalttätige Streiks, Brotkrawalle, Maschinenstürmerei (Luddismus), massenhaftes gesetzwidriges Betreten von Wäldern und Feldern, Steueraufruhr und Tumulte, die deutlich mit einer bestimmten sozioökonomischen Gruppe verbunden waren, z. B. Angriffe von Armen gegen Reiche.