Die moderne Wohnungsnoth: Signatur, Ursachen und Abhülfe, Ernst Engel 1873

Titelblatt Die moderne Wohnungsnoth, 1873

Die Ausarbeitung des Bebauungsplanes für Berlin, – richtiger des Straßenplanes von Berlin, – ohne daß diese Straßen wirklich angelegt wurden, hat eine große Zahl von Flächen zwar nicht der Bebauung erschloßen, denn die Straßen existierten nur auf dem Papier, wohl aber hat er den Inhabern dieser Flächen Veranlassung gegeben, Baustellenpreise dafür zu fordern, und er hat somit zur Preissteigerung der Baustellen wesentlich mitgewirkt.

Aufruhr in der Blumenstraße

1.Juli 1872. In der Blumenstraße, heute Neue Blumenstraße, begann der ‚Blumenstraßenkrawall‘. Im Haus Blumenstraße 52 war ein Tischler vom Exekutor* auf die Straße gesetzt worden. Als die Feuerwehr kam, um den Hausrat wegzuräumen, brachte das die Erregung der Menschen zum Überlaufen. Dem Hauswirt wurden die Fensterscheiben eingeworfen. Die berittene Polizei, eingesetzt, die 4.000 bis 5.000 Demonstranten auseinander zutreiben, wurde mit Steinwürfen empfangen. Eine Straßenschlacht kam in Gang, die bis 3 Uhr morgens andauerte. Am nächsten Morgen sprach sich die Nachricht herum, daß die Polizei damit begonnen hatte, die Obdachlosenbaracken am Frankfurter Tor niederzureißen. Der Aufruhr verbreiterte sich über das ganze Stadtviertel und dehnte sich über die Blumenstraße, die Frankfurter Straße, die Weberstraße und deren Querstraßen aus. Gaslaternen wurden eingeworfen, Rinnsteinbohlen ausgehoben und Barrikaden gebaut. Die anrückenden Polizeikräfte wurden mit Steinbombardements aus den Fenstern empfangen. Über 1.000 Polizisten sperrten das Aufruhrgebiet von den umliegenden Straßen ab. Zwei Batallione des Kaiser-Alexander-Regiments und zwei Schwadronen Gardedragoner standen mit scharfen Patronen bewaffnet zum Ausmarsch bereit. Nichtsdestoweniger breitete sich die Revolte weiter aus und ein regelrechter Guerillakrieg entfaltete sich. Das Polizeirevier Lange Straße wurde vom Volk gestürmt. Mit Mühe gelang es den Dragonern schließlich, die Unruhen zu unterdrücken… Die Polizei tat ihr möglichstes, auch die übrigen Baracken verschwinden zu lassen. Aber sofort entstanden neue, die wiedergestürmt wurden. So ging es bis in den August hinein …

*Die „Exmittierung“ – das damalige Wort für Räumung

zuerst erschienen im AUGUSTSTRASSEN-Blog am 2011-07-25

siehe auch: https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/revolte-in-berlin-ende-juli-1872/

Freistadt Barackia

Mehr als 13.000 Menschen sind im Jahr 1872 „nach polizeilichen Ermittlungen“ obdachlos.
Am heutigen Planufer, damals noch unbebaut, haben Obdachlose zur Selbsthilfe gegriffen und auf besetztem Land einhundertfünfzig provisorische Hütten errichtet.

Am 2.4. 1872 berichtet der Korrespondent der „Augsburger Allgemeinen Nachrichten” seinen Lesern, wie die Obdachlosen zur Selbsthilfe greifen:
“Zahlreiche Familienväter haben in der Umgebung der Stadt brachliegendes Land besetzt und Bretterbuden aufgeschlagen, in denen sie mit den Ihren bessere Tage erwarten.
Auf dem Bauland vor dem Frankfurter und Landsberger Tor entstanden ganze Lager mit tausenden von Menschen. Auf dem Rixdorfer Feld, den sogenannten Schlächterwiesen vor dem Kottbusser Tor, wurde auf Initiative von Obdachlosen eine „wilde” Barackensiedlung errichtet, die „Freistadt Barracia”.

„Ein kurz entschlossener Obdachloser gab die Anregung dazu, indem er auf einem gepachteten Feldstück eine Bretterbude zum Aufenthalt erbaute. (…) Unter den verzweiflungsvollen Anfängen ist die am Kottbusser Damm auf dem Weg zur Hasenheide zu bedeutenderer Ausdehnung, zu einem schnellen Flor gelangt. Dicht hinter den letzten Vorstadthäusern, auf dem früheren Gemeindewiesenterrain, welches in Erwartung seiner Bebauung mit Straßen teilweise noch zu Kartoffelfeldern dient, erheben sich bereits jetzt mehr als hundert solcher Baracken. Nach Willkür errichtet verteilen sie sich in vier Gruppen über ein ziemlich weitläufiges Terrain. Durchweg sind sie aus rohen Brettern auf dem Erdboden budenmäßig hergestellt, bald kleiner, bald größer, je nach dem verhältnismäßigen Wohlstand des Inhabers und der Größe seiner Familie.
Jeder hatte sich sein Baumaterial selbst besorgt: Bretter für die primitiven Holzbuden mit zwei kleinen Stuben, Fenster und Türen von irgendwelchen Abrißbaustellen – es klebten noch die Reste alter Tapeten und Ölfarben daran – manche bunt verglast und schräg geschnitten, weil sie aus Treppenhäusern stammten – wahre ‘Luxusartikel’ und von den Hausfrauen zierlich mit Gardinen geschmückt. Manche Hütten besaßen sogar einen Anbau mit Küche und Vorratskammer, aus dem das herausgesteckte Qfenrohr qualmte. Andere stellten sich zum Kochen ihr eisernes Öfchen ins Freie oder hatten sich einen Herd zusammengemauert.”

erschien zuerst auf dem AUGUSTSTRASSEN-Blog am 2011-06-14

Revolte in Berlin Ende Juli 1872

Schon vor Jahresfrist, als die Wohnungsnoth zuerst sich geltend machte, schwatzte alle Welt davon, daß Unruhen entstehen würden.
Aber das Berliner Volk ist sehr geduldig, und als die Prophezeihung sich nicht bestätigte, wiegten sich die bevorrechtetenKlassen in Sicherheit.
Augenblicklich ist in Berlin aber durch den geradezu grenzenlos steigenden Nothstand und den Uebermut der Hausbesitzer solcher Zündstoff angesammelt, daß jeder Funke zur Flamme auflodern muß.

Drei Tage lang war Berlin fast ohne Unterbrechung im Zustande der Revolte, die bald hier, bald dort in den einzelnen Stadtvierteln sich geltend machte.
Am Donnerstag ward ein armer Tischler in der Blumenstraße exmittirt und es entstand ein Auflauf, der bis tief in die Nacht hinein andauerte.
Nach 7 Uhr sammelten sich besonders zahlreiche Schaaren vor dem betreffenden Hause 51c. Einige Steinwürfe gegen die Fenster der Kellerwohnung, sowie die Schutzleute bedrohende Rufe gaben in der neunten Stunde das Signal zu einer gewaltsamen Säuberung der Straße bis nach der Kantstraße zu, welche durch berittene und Schutzleute zu Fuß bewirkt wurde. In den angrenzenden Straßen, der Straußberger- und Frankfurterstraße, wurden jetzt auf die in der Verfolgung begriffenen Schutzleute Steine geworfen. Mehrfache Verhaftungen erfolgten, doch erst gegen drei Uhr Morgens hatten sich die Massen nach und nach zerstreut.

Am Sonnabend fanden wiederum bereits während des Tages Konflikte mit den überall postirten Schutzleuten statt. Geradezu wie ein Funke auf ein Pulverfaß wirkte aber die folgende Proklamation der Polizei:
„Die Blumenstraße und Umgebung sind seit vorgestern der Schauplatz ernstlicher Ruhestörungen, welche die Schutzmannschaft bereits wiederholt zum Gebrauch der Waffe genöthigt haben. Das Polizeipräsidium warnt hierdurch eindringlich vor der Wiederholung, da alle Vorbereitungen getroffen sind, jeden Exceß energisch zu unterdrücken. Gleichzeitig ergeht an alle Einwohner das Ersuchen, ihre Kinder, Ange hörigen, Lehrlinge u.s.w. von der betreffenden Stadtgegend möglichst fernzuhalten, da, abgesehen von den im § 116 des deutschen Strafgesetzbuchs angedrohten Strafen, im Augenblick eines bewaffneten Einschreitens eine Unterscheidung zwischen Excedenten und Neugierigen unmöglich ist. Die Hausbesitzer werden im eigenen Interesse aufgefordert im Folie eines Tumultes vor ihren Häusern, diese und die darin befindlichen Läden und Verkaufskeller sofort zu schließen.
Berlin, den 27. Juli 1872. Königl. Polizei-Präsidium.: Frhr. v. Hertzberg.


Diese Proklamation, welche an allen Anschlagssäulen zu lesen war, erregte die Volksmassen nicht weniger, als den Tag zuvor das Niederreißen der Baracken, der Hinweis darauf, daß eventuell Unschuldige gleich Schuldigen niedergehauen würden, erinnerte an zahlreiche Falle, wo Tags zuvor Greise und Kinder schwer verletzt worden waren. Es sammelten sich wieder dichte Volksgruppen, und die Revolte war noch heftiger als Tags zuvor.

Die Polizei hatte für den Sonnabend Abend sogenannte umfassende Maßregeln getroffen. Gegen 400 Schutzleute zu Fuß und 200 zu Pferde
und eine Masse Polizei in Civil waren auf dem Schauplatz des Kampfes vertheilt; außerdem standen von 6 Uhr Abends an zwei Bataillone des Kaiser-Alexander-Garde- Grenadier-Regiments und zwei Schwadronen des 2. Garde-Dragoner-Regiments in ihren Kasernen mit scharfen Patronen zum Ausmarsch bereit.


Nichts desto weniger ward die Revolte noch größer als an einem der früheren Abende. Die Schutzmann schaft hatte ihr Hauptquartier wiederum an dem alten Ausgangspunkt des Krawalles,- Blumen- und Krautstraßenecke, aufgeschlagen und behauptete diese Stellung unver- ändert wahrend des ganzen Abends. Nur einige einzelne kleinere Posten waren in die nächsten Straßen hinein detachirt. Hier blieb Alles ziemlich ruhig. Nur ein paar Mal wurde gegen größere Trupps junger Knaben, welche der dreimaligen Aufforde- rung sich zu entfernen, nicht Folge gaben, dieselbe vielmehr mit Geschrei und Stein- hagel beantworteten, von der blanken Waffe Gebrauch gemacht. Dagegen gab es in den umliegenden Straßen sehr heftige Zusammenstöße. Es begann ein förmlicher Guerillakrieg. Bald hier, bald dort flogen aus irgend einem Fenster einer dritten Etage oder aus einer Mansarde Steine unter die Schutzleute, worauf das betreffende Haus sofort gestürmt wurde. Ein solcher Steinwurf zerschmetterte einem Schutzmann den Arm. In demselben Augenblicke, wo der Kommandeur der Schutzmannschaft, Oberstlieutenant von Tempsky, an den Minister des Innern meldete: „Die Situation hat sich wesentlich gebessert“, und wo er dem Herrn Polizei-Assessor Bürger den Auftrag gab, die zur Verfügung gestellten Militärmannschaften abzubestellen, — in demselben Augenblicke erloschen am Grünen Weg hinter dem Andreasplatze sämmtliche Laternen, zertrümmert von den Volksmassen und bald darauf nahm die Revolte in sämmtlichen Straßen östlich und nördlich von dem Hauptquartier der Schutzmannschaft überhand, ohne daß die Massen gesprengt worden wären. Drei Barrikaden wurden daselbst gebaut. So hatte die Volksmasse an der Ecke des Grünen Weges und des Küstriner Platzes wiederum aus Bohlen eine Barrikade konstruirt, wel- che sie erst verließ, als die Polizei das Hinderniß umging. Zu gleicher Zeit wurde das Lokal der Revierpolizei in der Langenstraße vom Volke gestürmt, wobei der dort anwesende Wachtmeister Kunze schwer verwundet worden ist. Auch auf zwei entfernte Stadttheile dehnte sich an dem selben Abende (Sonnabend) die Revolte aus. Ein sehr ernstlicher Krawall fand nämlich vor dem Hause Weinstraße 32 statt, das der Schutzmann Ernst als Vicewirth verwaltet. Ein etwa 1000 bis 1500 Köpfe starker Volks haufen hatte sich dort gesammelt, war gegen 11 Uhr gewaltsam in das Haus gedrungen und demolirte Alles, bis eine Abtheilung reitender Schutzleute ansprengte und- die Menge nach dem nahegelegenen Friedrichshain zurückdrängte.

Sodann kam es in der Gegend des Kottbusser Thores zu einem ähnlichen Zusammenstoß. Das Haus Skalitzerstr. 12, wo ein Miether exmittirt war, bildete den Kernpunkt des Angriffs. Die Polizei ertickte den Aufstand nur mit Mühe. Die Soldaten des Kaiser Franz-Regiments und eine Schwadron Garde-Dragoner waren deswegen in der Kaserne konsignirt, die letzteren mit gesattelten, jeden Augenblick zum Aufbruch bereiten Pferden und eine Abtheilung Dragoner wurde sogar zur Unterstützung der Polizei herbeigezogen. Die ganze Revolte endete wieder damit, daß sich gegen drei Uhr allmählich die Volksmenge zerstreute. Am Sonntag waren ein Drittel bis zur Hälfte sämmtlicher Mannschaften der Garde- Schützen, Garde-Dragoner, des Franz- und Alexander-Regiments in ihren Kasernen konsignirt und scharfe Patronen an die Mannschaften vertheilt. Diesmal hatte man aber die Polizei nicht in Masse auf den Straßen aufmarschiren lassen, und die Folge davon war, daß die Revolte ihr Ende fand. — Der exmittirte Miether, der unschuldigerweise die Berliner Revolte verursacht hat, Herr Harstark, Blumenstraße 51 c, hat uns zur Einsicht seinen Miethskontrakt, der auf 3 Jahre lautet und am 1. Oktober 1872 abläuft, nebst dem Quittungsbuch vorgelegt. Danach ist die Mittheilung der Presse, daß Harstark wegen rückstandiger Miethe exmittirt sei, vollständig unwahr, da derselbe seinen Verpflichtungen pünktlich nachgekommen ist. Harstark hatte nämlich laut Kontrakt vierteljährlich postnumerando zu zahlen. Der Hauswirth aber hat nach den weiteren Mittheilungen des Exmittirten die Wohnung zu höherem Preise vermiethen können und Anstoß an einem Aftermiether genommen, der aber schon längere Zeit unbeanstan- det durch den Hauswirth miteinwohnte.

Neuer Social-Demokrat, 31.7. und 2.8.1872

Momentfotografie und ihr militärischer Nutzen

»Es galt einen unbrauchbaren Maulesel zu vernichten, und man wollte diese Gelegenheit benützen, um die Empfindlichkeit der Gelatineplatten zu demonstrieren. Hierzu wurde dem Thiere eine Dynamitpatrone vor den Kopf gebunden und ein photographischer Apparat gegen dasselbe gerichtet. Dieselbe electrische Leitung brachte die Patrone zur Explosion und löste den Momenverschluß der Camera aus. « (Josef Maria Eder, 1887)

Als wäre ein Krieg vorzubereiten, wurde in den 1880er Jahren – und teilweise einige Jahre davor beginnend – die Momentfotografie für wissenschaftliche Untersuchungen genutzt. Eine Zusammenfassung nach Anwendungsmöglichkeiten offenbart den militärischen Nutzen ; in einigen Fällen waren sogar Institutionen der Armee als direkte Auftraggeber aktiv.

Jahr      Fotografischer Untersuchungsgegenstand   durch
1884       Flintenkugel im Fluge                   Mach          Ballistik
1884     Raucherscheinungen bei Kanonenschuß       David         Artillerie
1885      Sprengung unter Wasser                   Griswold      Pioniere
1882      fliegende Vögel                          Marey
                                                   Anschütz      Flugwesen
1885     Fall- und Flugbahnen                      Marey
1885       Menschen in Bewegung                    Muybridge     Infanterie
1883     gehende, laufende, springende,            Marey
             marschierende Männer                  Anschütz                   
1883/84      Manöver                               Anschütz
1877     Pferde in Bewegung                        Muybridge     Kavallerie
1884     Sprung von Pferd und Reiter               David/Scolik
1885     Bewegungsarten des Pferdes                Anschütz
1859      Luftbilder vom Ballon aus                Nadar u. a.   Aufklärung
1883     aus 900 m Höhe                            Shadbolt
 
1880     fahrender Eisenbahnzug                    Marsh

Unruhen in Deutschland, geordnet nach Typen 1816-1875

Mangel an Nahrung und Wohnung, Proteste gegen Verelendung und schlechte Arbeitsbedingungen kennzeichneten das 19. Jahrhundert.

Studenten
Universität
ReligionPolitikSozioöko-
nomisch
andereSumme
1816-18291394329
1830-1839132072283136
1840-184751733103158
1850-185951561215107
1860-187512177322133
SUMME378224718710563

‚ Studenten waren entweder Hauptakteure oder Studenten- bzw. Universitätsangelegenheiten waren Hauptobjekt des Konflikts.

‚ Religion war, zumindest vorgeblich, Hauptobjekt des Konflikts.

‚ Der Protest war gegen den Staat mit seinen Organen gerichtet, um politische Änderungen durchzusetzen (Auswechseln eines bestimmten Staatsbeamten, Durchsetzung eines neuen Gesetzes

‚ Gewalttätige Streiks, Brotkrawalle, Maschinenstürmerei (Luddismus), massenhaftes gesetzwidriges Betreten von Wäldern und Feldern, Steueraufruhr und Tumulte, die deutlich mit einer bestimmten sozioökonomischen Gruppe verbunden waren, z. B. Angriffe von Armen gegen Reiche.

Das Pferd und das analytische Bild

Mit solchen modernen analytischen Aufnahmen wurde 1885 die optimale Gangart und Schrittfolge der Pferde für die Dienstvorschriften ermittelt.

„Das preussische Kriegsministerium machte sich die Vorteile dieser neuen Errungenschaft zuerst dienstbar und erteilte Anschütz den Auftrag, hunderte Serien von Pferden in regel- und unregelmäßigen Gangarten aufzunehmen.“ Etienne-Jules Marey, Die Chronophotografie, Berlin 1893

siehe auch: https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/momentfotografie/