Einblicke in Berliner-Wohnungselend 1901-1920

Die Aufnahmen sind Teil einer Wohnungsuntersuchung, die die Berliner Ortskrankenkasse für den Gewerbebetrieb der Kaufleute, Handelsleute und Apotheker (ab 1914 die AOK) von 1901 bis 1920 bei ihren Patienten durchgeführt hat. Ziel des Unternehmens war es, durch wissenschaftlich fundierten Nachweis und Veröffentlichung des bereits längst erkannten Zusammenhangs zwischen Wohnen und Krankheit zu einer Veränderung der Verhältnisse beizutragen. Dazu schreibt der Geschäftsführer der Ortskrankenkasse und Herausgeber der Enquete, Albert Kohn: «Eine Besserung schlechter Zustände kann nur eintreten, wenn man die bestehenden Mißstände aufdeckt, wenn man sie an das Licht des Tages zerrt, damit klar sichtbar wird, wo eingesetzt werden muß, um eine Wendung zum Bessern herbeizuführen.» (Wohnungs-Enquete, 1906)

Friedrichstraße 263, unterm Dach, 1904
Grossbeerenstraße 6, Vorderhaus im Keller, 1905
Blücherplatz 1, 1906
Blücherstraße 13, 1906
Kreuzbergstraße 49, 1911
Möckernstraße 115, 1915/16
Nostitzstraße 41, linker Seitenflügel im Keller, 1917

Aus der Enquete wissen wir, daß die Kassenmitglieder in der verkommenen Altstadt, größtenteils aber in den neu aus dem Boden gestampften Mietskasernenvierteln gewohnt haben, in dunklen, oft genug feuchten, schmutzigen und stickigen Räumen, bisweilen ohne Heizung, ohne Licht und Lüftung, voll Ungeziefer, Pilzbefall und übler Gerüche; mit Abort auf dem Treppenpodest oder auf dem Hof, benutzt von mehreren Mietparteien, nicht selten bis zu 45 Personen; mit Schlafräumen, in denen häufig fünf, sechs oder mehr Personen die Nacht verbringen mußten, nicht selten zu dritt in einem Bett, darunter Schlafgänger und Kranke.(…)

Wohnungsfrage und gesellschaftliche Entwicklung in Preußen-Deutschland

Bis zur Wende zum 20. Jahrhundert wird insbesondere das Wohnungselend der großstädtischen Arbeiterbevölkerung in Deutschland zum beherrschenden sozialpolitischen Thema. Die Ursachen dieser Entwicklung liegen vor allem im Wachstum der Bevölkerung bei gleichzeitiger Binnenwanderung vom Land in die Städte – in Preußen wird das weitgehend eine Ost-West-Wanderung.

In Berlin wächst die Bevölkerung: von 197717 Einwohnern im Jahre 1815 auf 702437 im Jahre 1867. In den Vororten beginnt etwa um die Jahrhundertmitte ein rapides Wachstum. Die damit verbundenen Probleme werden zunächst mit liberalem Optimismus und dem Glauben an ein «Durchgangsstadium» heruntergespielt. Erst durch die Gründerjahre und den Gründerkrach in den siebziger Jahren schärft sich die Problemwahrnehmung. Die breite öffentliche Diskussion kann jedoch den weiteren Anstieg der Bevölkerungsziffern nur relativ hilflos registrieren: 1905 zählt Berlin 2040148 Einwohner; in Charlottenburg wächst die Bevölkerung zwischen 1867 und 1905 von 14 999 auf 239559, in Rixdorf von 19 956 auf 153513, in Wilmersdorf von 1748 auf 63568 usw. 1910 hat Berlin schon 2071257 Einwohner, Charlottenburg zählt 305978. Diese beiden Städte stehen auch an der Spitze der Bewohnerzahl pro Gebäude im Deutschen Reich. Kommen in Bremen auf ein Gebäude nur 7,83 Bewohner, so sind es in Berlin 75,90 und in Charlottenburg 66,13 !
(…)

  1. Die herrschende liberale Doktrin fordert Beschränkung des Staates auf (Bau-) Polizei und Regulierung des Realkredits. Die Versorgung mit Wohnungen ist nicht Angelegenheit staatlicher Wohlfahrtspolizei, sondern des Marktes. Das schrankenlose Privateigentum an Grund und Boden ist die Regel, Wohnungsbau und Wohnungsgestaltung erfolgen unter dem Aspekt der Maximierung der Renditenicht nach den Bedürfnissen der Bewohner, Standards für diese fehlen. Die Hausbesitzer, in der kommunalen Selbstverwaltung dominierend, erfreuen sich zunehmend steigender Bodenrenten auf Kosten der besitzlosen Lohnarbeiter.
  2. Die Verknappung von Wohnraum und Verteuerung von Grund und Boden wird durch die von der kommunalen Selbstverwaltung ausgehende Stadtplanung (inklusive «Stadtsanierung») verschärft.
    Der Kultus der Straße, wie ihn Rudolf Eberstadt genannt hat, wird zum herrschenden Leitbild. Die Straße dient nicht der vorteilhaftesten, besten und billigsten Aufteilung von Wohngelände, sondern von der Straße aus und für die Straße in ihrer Pracht werden die Städte gebaut. Dahinter stehen bürgerliches Imponiergehabe («feudale Imitation») und das Vorbild Napoleons III: In Paris hatten sich die winkligen Altstadtgassen als gefährlich erwiesen, hier wurden die besten Revolutionsbarrikaden errichtet. Die breite Straßenflucht war auch sonst prophylaktisch sinnvoll: Pflasterung und Kanalisation hinderten üble Gerüche und Insektenschwärme, Übergriffe von Seuchen und Feuersbrünsten auf die bürgerlichen Häuser. Der Kultus der Straße ergreift nicht nur die Altstadt, sondern beherrscht auch die Stadterweiterung. Seine Konsequenz ist die Mietskaserne.
    «Der Kultus der Straße bietet das erste Mittel, um – infolge der Überwälzung der Straßenkosten auf die Baustelle – die Verteuerung des Bodens und somit den Zwang schlechter Bauformen hervorzubringen. Die teurere Straße verlangt als Gegenleistung die Zusammendrängung der Bevölkerung durch Stockwerkshäufung.

Während äußerlich die Straße eine stattliche Bauweise vortäuschte, entstanden das Vielwohnungshaus und die Mietskaserne mit ihren schlechten Wohnverhältnissen, denen als notwendige Begleiterscheinung die ungünstigen Wirkungen für die Wohnungsproduktion und die Bodenwertentwicklung hinzutraten.
Die Mietskaserne hat hinter dem Vorderhaus nicht mehr nur Nebengebäude, sondern gleichhohe, also vier- bis sechsgeschossige Seiten- und Hinterhäuser. Dadurch entstehen die typischen lichtarmen oder gar lichtlosen Hinterhofwohnungen. Die Wohnungen differierten zusätzlich nach Stockwerken: Im 1. und 2. Stock des Vorderhauses mit protziger Straßenfassade gab es komfortable Wohnungen mit herrschaftlichen Wohnmöglichkeiten: Vom 3. Stock an aufwärts und zum Hinterhaus zu verringerten sich Wohnungsgröße und -qualität rapide. Zu Luft- und Lichtmangel kam die ungenügende sanitäre Ausstattung, viele Wohnungen hatten weder fließendes Wasser noch Ausguß und schon gar keine eigene Toilette. Dabei hatten städtische Wasserleitung und Kanalisation die vielgeschossige und enge Bauweise erst ermöglicht. Angesichts solcher Umstände mußte die Rendite-Orientierung legitimiert werden. (…)

Zur Konstruktion des Bismarck -Mythos und -Kultes

Neben Denkmäler für Kaiser und andere Nationalheroen rankte sich um den Fürsten Bismarck ein besonderer Denkmalskult. Über 500 Gedenk-Tüme und -Stätten wurden zu dessen Ehre und Gedenken geplant, Hunderte sogar gebaut. Dabei gab es zum Anfang des Neunzehnten Jahrhunderts gerade eine Handvoll weltlicher Denkmäler.

Bismarck-Nationaldenkmal im Berliner Tiergarten, DIA-Scan aus Tonbildschau ‚Reiten, Reiten, Reiten‘

So wurde das Individuum Bismarck im Symbol für die Unerschütterlichkeit und Kraft des Reiches, ins Heldenhafte, Ideale gesteigert. Er, der das Reich “auf ewig gegründet” hatte, verankerte das deutsche Wesen durch die Bilder mythologischer Figuren in die Ursprünge seines Volkes. Die ganze deutsche Geschichte schmolz in diesem Heros zusammen, und seine Worte

“Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts in der Welt”
trotzten auf den Lippen jedes “echten Deutschen”.

Eingeübt wurden solche Formeln durch die unzähligen Veranstaltungen um die und zu den Gedenkstatten. Das durch militärische Tat 1871 geordnete künstliche Staatsgebilde “Klein-Deutschland” fand im Mythos Bismarck und dessen Manifestationen den Kultort. Hier wurden immer wieder die Herzen widersprüchlichster Gesellschaftsgruppen zum Traum einer Nation bewegt.

Im Kaiserdeutschland gefiel es sich als Erbfolger von Mythologien. So wurden völlig unreflektiert höchste sittliche Werte aus dem Nibelungenmythos konstruiert.

Erstaunlich und bedeutsam ist die Tatsache, wie die Werte: Treue, Ehre, das Gute, das Wahre diesen Helden zugesprochen wurden, während ihre Geschichte tatsächlich von Betrug, Hinterlist, Lug, Verrat an der Liebe und sinnlosem Morden berichtet. (Text aus Tonbildschau ‚Reiten, Reiten, Reiten‘)

Im Rahmen der von Albert Speer geplanten Nord-Süd-Achse für die „Welthauptstadt Germania“ wurde das Bismarck-Nationaldenkmal 1938 zusammen mit der Siegessäule, den Figuren der Siegesallee und den Denkmälern von Albrecht von Roon und Helmuth Karl Bernhard von Moltke an die nördliche Seite des Großen Sterns versetzt. Nach den Planungen sollte hier ein Forum des Zweiten Reiches, also des Kaiserreichs von 1871 entstehen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Bismarck-Nationaldenkmal_(Berlin)

Friedrich Ludwig Jahn und die Militarisierung der Leibesübungen

In der deutschen Erinnerungskultur ist Friedrich Ludwig Jahn (11. August 1778 bis 15. Oktober 1852), genannt der „Turnvater“, omnipräsent. Jahn prägt die deutschen Stadtpläne, denn mehr als 1100 Straßen tragen den Namen Friedrich Ludwig Jahns. Damit gibt es mehr Jahn- als Schillerstraßen. Jahndenkmäler und Jahnbüsten zieren in kaum überschaubarer Zahl deutschsprachige Felder und Fluren, Turnhallen und Sportplätze. Briefmarken und Poststempel tragen sein Konterfei. Jahns Bekanntheitsgrad basiert aber trotz der Vielzahl dieser konkreten und abstrakten Erinnerungsorte primär auf mündlicher Überlieferung: das Eponym „Turnvater“ und der populäre Turnerspruch „frisch, fromm, fröhlich, frei“ verankern Friedrich Ludwig Jahn im kollektiven Gedächtnis. Noch heute tradieren vor allem Turn- und Sportvereine diesen „Turnvater Jahn“ im deutschsprachigen Raum. (…) Damit pflegen sie eine Tradition, die über ein Jahrhundert vor ihnen erfunden wurde: Jahn als Vater, Ursprung und Verbindung der Turner und – seit späterer Zeit – auch der Sportler.
(1 – Wellner)

Jahn spricht zur Eröffnung des ersten deutschen Turnfestes in der Hasenheide
Aus: Exerzierfeld der Moderne. Industriekultur in Berlin im 19. Jahrhundert, 1984

[Jahn eröffnete] 1811 den ersten deutschen Turnplatz auf der Hasenheide in Berlin. Des Weiteren setzte er sich für die Verbreitung des Turnens ein. Als der Befreiungskrieg gegen Napoleon 1813 begann, trat Jahn mit seinen Turnern dem Lützowschen Freikorps bei. Von den Ergebnissen des Wiener Kongresses enttäuscht setzte sich Jahn für die Bewegung der Burschenschaften ein, welche in engem Zusammenhang mit der Turnbewegung stand. Beim Wartburgfest 1817 fungierte Jahn als einer der Mitinitiatoren. Im Zuge der Karlsbader Beschlüsse wurde Jahn 1820 verhaftet und verbrachte anschließend mehrere Jahre in Haft bzw. unter Polizeiaufsicht. 1840 wurde der Turnvater durch Friedrich Wilhelm IV. vollkommen rehabilitiert, 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt. Friedrich Ludwig Jahn starb 1852. (…)

Dass Jahns Sicht auf Leibesertüchtigung immer auch einen militärischen Anstrich hat, wird bereits offensichtlich, besieht man sich die Beispiele aus der Geschichte, welche er heranzieht, um die Sportlichkeit der Ahnen hervorzuheben. So zitiert er beispielsweise Tacitus, der die Schnelligkeit des germanischen Fußvolkes rühmt, die es ihm möglich mache, unter der Reiterei mitzukämpfen. [Jahn: Deutsches Volkstum, S. 149. Jahn geht schließlich sogar soweit zu behaupten, dass die Trägheit der Deutschen in den Leibesübungen ihren Anteil an der deutschen Katastrophe von 1806 gehabt hätte: „Man lese […] wie die Römer von Kindesbeinen an Vorübungen, Waffenübungen und eigentliche Kriegsübungen trieben, und ihre Großthaten werden uns erklärlich. Man beobachte, wie bei uns die Leibesübungen ausgestorben sind, bis auf das Führen des Gänsekiels und einen wilden Sprungtanz, der den letzten Rest giebt; und die Kriegswunder der Neuzeit haben ihre natürlichen Ursachen.“]

Aus Tonbildschau „Reiten, Reiten Reiten“

Die Möglichkeit zur sportlichen Betätigung muss, wann immer möglich, wahrgenommen werden, weswegen Jahn schreibt, dass Gehen, Laufen, Springen, Werfen und Tragen Tätigkeiten seien, welche stets anwend- und durchführbar seien. Einen ganzen Katalog an Leibesübungen zählt Jahn auf, welche er regelmäßig betrieben wissen möchte:
Klettern, Steigen und die Ausbildung des Gleichgewichtssinns sollen in gebirgigen Gegenden stets von der Jugend trainiert werden.
Schwimmen sollte auch jeder Deutsche können.
„Schlittern“, also das Fortbewegen auf gefrorener Fläche, solle nicht untersagt, sondern vielmehr geübt werden; er, Jahn, hielte dies nur für sinnvoll in einem Land, in welchem es Winter gebe.
Sich mit einem Boot auszukennen, es steuern, segeln und rudern zu können sei etwa für Bürger eines Landes wie Preußen, das über viele Binnengewässer und flache Küsten verfüge, nach Meinung des Turnpioniers unentbehrlich.
Alle diese Betätigungen dienen der allgemeinen Stärkung des Körpers und der Geschicklichkeit. Teilweise sind es auch Übungen, welche zur besseren Bewältigung des Alltags in einer spezifischen Umwelt dienen sollen, wie etwa letztgenanntes Umgehen Können mit dem Boot zeigt. Hier hat Sport nicht nur einen gewissen Gesundheits- und Fitness-Aspekt, sondern verfolgt einen ganz pragmatischen Zweck: Der Mensch soll sich behelfen können. Jahn empfiehlt, um den Leibesübungen überdies noch einen gewissen Anreiz zu geben, regelmäßig Wettspiele zu veranstalten, damit sich die Jungen miteinander messen können.

Hasenheide aus: Berlin: Biographie einer großen Stadt | Bisky, Jens

Dass Jahn die Jugendlichen auch für das Militär brauchbar machen will, beweisen die nächsten Betätigungen, zu welchen er die Jugend angehalten wissen möchte. So soll im Rahmen seiner Volkserziehung jeder das Schießen erlernen. Des Weiteren soll jede Markschule über Fecht- und Reitschulen verfügen und auch das Voltigieren will Jahn vermittelt wissen. Der Zögling soll also nicht nur Schießen und Fechten können, sondern wie ein Kavallerist auch über vollendete Körperbeherrschung im Sattel verfügen. Jahn gibt ganz offen die Militarisierung der Leibesübungen zu, wenn er schreibt: Eine wahre Volkserziehung muß die Vorarbeit für künftige Vaterlandsverteidiger ebensowohl übernehmen, als andere Ausbildung“ Der Sportunterricht, welcher Jahn vorschwebt, soll den Soldaten von morgen bereits vorfertigen. Das deutsche Vaterland braucht „Menschenmaterial“ zu seiner Verteidigung, für den Kampf gegen Napoleon. Dementsprechend soll sich an die durch Leibesübungen gewährleistete Vorbereitung nach Jahns Willen eine dreijährige Dienstzeit im stehenden Heer im Jünglingsalter anschließen, das erste Jahr als „Dienstlerner“, das zweite als „Dienstthuer“ und das dritte als „Dienstlehrer“. Des Weiteren sei jeder gesunde Mann bis zum Alter von 45 Jahren Mitglied der Landwehr, also des Aufgebots, welches im Verteidigungsfalle mobilisiert wird. Das Soldatentum soll demnach von der Jugend bis über die Lebensmitte hinaus Teil des Männerlebens sein. Den „vaterländischen Schutzkrieg“, zu dessen Zwecke die Männer von Jugend an wehrhaft erzogen werden sollen, den Krieg der von Vaterlandsliebe Entflammten gegen eine fremde Macht empfindet Jahn als ehrbaren, aufrechten Krieg. Bei der Verteidigung des Vaterlandes „ist des Kriegers Herz im Einklange mit dem Verstande“, diesen Kampf nimmt man gern auf, glühend vor Begeisterung. Der „vaterländische Schutzkrieg“, die „Landwehr“, sei doch ehrlicher und humaner als ein Krieg, in welchem Soldatenheere gegeneinander gehetzt würden. Jahn argumentiert, dass „Soldatenkriege“ nur wenig ehrbar seien, da die Beteiligten nur um ihres Soldes willen kämpften. So seien diese Kriege doch eine zynische „Menschenhetze“, „ein elendes Faustbalgerspiel, bloße Hunderttausende, Mietlinge, Söldlinge, Gezwungene, Geworbene gegeneinander“. Wie anders doch die Landwehr, wo jeder Einzelne begeistert für Volk und Vaterland in die Schlacht zöge, das Recht auf seiner Seite wissend. (2 – Rittner)

Rüstungsbetriebe in Kreuzberg

Die Bemühungen von Großkonzernen und [Nationalsozialisten], die deutsche Wirtschaft auf den Krieg vorzubereiten, hinterließen auch in den kleinen und mittelständischen Betrieben Kreuzbergs Spuren. Der Berlin-Historiker Dieter Hoffmann-Axthelm schreibt in dem Aufsatz „Geschichte und Bedeutung der Kreuzberger Mischung“:
„Erst 1936/37 schlug das Rüstungsprogramm auf die Kreuzberger Situation durch. Das geschah über die neue Flugzeugindustrie. Diese hatte damals ungefähr den motivationalen und katalysatorischen Stellenwert, den heute die Mikroelektronik einnimmt. Schon auf den Schulen war sie das technische Phantasieobjekt schlechthin. Aber sie wurde auch zum realen Arbeitsgebiet der Kreuzberger Metallbetriebe, die sich im Stande zeigten, technische Neuerungen sofort mit ihren erprobten Mitteln in gewünschter Präzision massenhaft zu produzieren, vom Kugellager über Propeller, Motoren bis zu den Schrauben und Karosserieblechen.“ (Kreuzberger Mischung, S.18)

Der konkrete Nachweis, welche Betriebe in Kreuzberg ihre Fertigung auf die Produktion von Rüstungsgütern umstellten, ist schwer zu erbringen, da sehr viele Firmengebäude und -unterlagen im Krieg zerstört wurden. Dokumente des Arbeitsamtes Mitte, in denen alle 1937 registrierten Berliner Rüstungsbetriebe aufgelistet sind, blieben jedoch von der Zerstörung durch die Alliierten bzw. der Vernichtung durch die Nazis selbst verschont. Es handelt sich bei diesen Unterlagen um den Schriftverkehr zwischen den Wehrwirtschaftsstellen, dem Arbeitsamt Mitte und dem Landesarbeitsamt Brandenburg. Er ist im Landesarchiv Berlin einzusehen (Rep 242 Acc 513 Nr.38). Aus diesen Akten geht hervor, daß im Zeitraum von 1935 bis 1937 alle Facharbeiter in Berliner Rüstungsbetrieben auf Karteikarten registriert wurden, um sie im „Mobilmachungsfall“ vom Krieg freizustellen. Zuerst wurde den Berliner Firmeninhabern die Möglichkeit eröffnet, sich als sogenannter R-Betrieb, die damals übliche Abkürzung für Rüstungsbetrieb, bei den Wehrwirtschaftsstellen registrieren zu lassen. Diesen R-Betrieben wurden für jeden Arbeiter, der aufgrund seiner „Spezialausbildung …und geheimzuhaltender Fabrikationsmethoden“ vom Militärdienst befreit werden sollte, Facharbeiterkarteikarten zugeschickt. Die Karteikarten wurden ausgefüllt an die Wehrwirtschaftsstellen zurückgeschickt, die sie an das Arbeitsamt Mitte weiterleiteten, das wiederum die Listen an das Landesarbeitsamt Brandenburg übermittelte. Das Arbeitsamt Mitte faßte in einem Schreiben an den Präsidenten des Landesarbeitsamtes vom 2.11.1937 mit der Überschrift ..Geheime Reichssache“ das Ergebnis folgendermaßen zusammen: „Bisher sind an R-Betrieben 423 Bedarfsträger (gemeint sind Rüstungsbetriebe, d.V.) mit etwa 110.000 Facharbeitern gemeldet worden. Mit weiteren ungefähr 100 Bedarfsträgern mit etwa 25.000 Facharbeitern ist zu rechnen, so daß zusammen etwa 523 Bedarfsträger mit zusammen 135.000 Facharbeitern in Betracht kommen.“

Jeder sechste der aufgeführten Berliner Rüstungsbetriebe produzierte in Kreuzberg davon jeder dritte im ehemaligen Exportviertel Ritterstraße. Auch entlang der Köpenicker Straße hatten sich schon vor dem Krieg viele Firmen auf die Produktion von Kriegsgeräten eingerichtet. Noch hatten diese Aufrüstungsbemühungen auf die Kreuzberger Bevölkerung keine Auswirkungen. 1937 gab es auf dem deutschen Binnenmarkt noch einen freien Handel, an dem zumindest die teilhaben konnten, die nicht von den Nazis verfolgt wurden. Die Produktion von zivilen Konsumgütern war nicht eingeschränkt. Dies änderte sich, nachdem Deutschland mit dem Vernichtungsangriff auf Polen am 1.September 1939 den Zweiten Weltkrieg verursachte. Kleine Betriebe mußten oft geschlossen werden, weil die Betreiber zum Militärdienst eingezogen wurden.

Großen Einfluß bei der Materialzuteilung und der Zuweisung von Arbeitern an die kleinen und mittelständischen Betriebe übten die Leiter großer Rüstungskonzerze aus.
1942 saßen die Spitzen von Siemens, IG-Farben und Daimler-Benz in den Hauptringen und Hauptausschüssen des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition. Sie erteilten Direktiven, die dann von über 170 Sonderausschüssen, Sonderringen und zahlreichen weiteren Arbeitsausschüssen umgesetzt wurden. In Berlin nahm dabei Siemens eine Führungsrolle ein. Der ursprünglich am Askanischen Platz gegründete Betrieb war während des Zweiten Weltkrieges das größte Monopolunternehen der Elektrotechnik in Europa. Friedrich Luschen, Leiter der Wirtschaftsgruppe Elektroindustrie bei Siemens, hatte 1942 das Sagen im Hauptring Elektrotechnische Erzeugnisse. Er besaß hiermit die Weisungsbefugnis gegenüber allen Firmen seines Aufgabengebietes.
(…)
Um konkrete Angaben darüber machen zu können, welche Betriebe in Kreuzberg welche Kriegsgeräte produzierten, ist die Reichsbetriebskartei, die 1943 von den Nationalsozialisten angelegt wurde, hilfreich. In dieser Kartei sollten alle wichtigen deutschen Rüstungsbetriebe exakt erfaßt werden. Über jeden Betrieb wurde eine Karteikarte angelegt, auf der die Betriebseigner die Grundstückgröße, die Mitarbeiterzahl und die produzierten Güter einzutragen hatten. Die Firmenbetreiber mußten aus Geheimhaltungsgründen ihre Produktionsgüter nach Fertigungsgruppen verschlüsseln und mit KG (für Kriegsgerät) kennzeichnen, die Herstellung von Patronenhülsen nannte sich z. B. KG 31 /63. Diese Verschlüsselung war nur für Eingeweihte verständlich, die Zugang zu den Listen „Reichswaren-Numerierung“ und „Warengruppen-Übersicht“ hatten. Für einen Laien war beispielsweise die Karteikarte der Firma Paul Böhm der Ritterstraße 11 unverständlich. Auf der Karteikarte der Firma sind folgende Verschlüsselungen aufgeführt (in Klammern die jeweilige Bedeutung):
KG 24/010″ (Zellenbau) – RW-Nr „71080″ (Luftfahrtindustrie)
„KG 24/080″ (Luftfahrtausrüstung) – RW-Nr „71011 “ (Luftfahrtindustrie)
„KG 31/61 “ (Handfeuerwaffen und Waffen bis zu 2 cm) – RW-Nr „70010″ Stahl- und Blechwarenindustrie)
„KG 23/130″ (Panzerkampfwagen und Sturmgeschütze) – RW-Nr „70210″ (Fahrzeugindustrie)

So lassen sich über Firmen, die in der Reichsbetriebskartei festgehalten wurden, eindeutige Aussagen über deren Kriegsgeräte-Produktion machen. Die Reichsbetriebskartei, die im Bundesarchiv Koblenz einzusehen ist, berücksichtigte allerdings nur größere Industriebetriebe ab 50 Mitarbeitern. Die Nationalsozialisten haber das Projekt Reichsbetriebskartei nicht komplett zu Ende führen können, ferner ist die Kartei nur zum Teil überliefert.(…)
Wieviele Firmen in Kreuzberg tatsächlich für die Rüstung produzierten, läßt sich nur erahnen.(…)
Man muß davon ausgehen, daß die vielen nicht berücksichtigten mechanischen und metallverarbeitenden Werkstätten, Maschinenbaufabriken oder Elektrobetriebe, die laut Adreßbüchern in Kreuzberg ansässig waren, auch im Auftrage des Reichsministers für Rüstungs- und Kriegsproduktion arbeiteten.

siehe auch die Karte: https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/ruestungsbetriebe-in-kreuzberg-karte/

Die Frühjahrs- und Herbstparaden auf dem Tempelhofer Feld

Im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit standen in Berlin die auf das Paradefeld führende Bellealliancestraße und vor allem die dort gelegene Kaserne des 1. Garde-Dragoner-Regiments, in der viele Angehörige der Kaiserfamilie ihre Pferde bestiegen.

Postkarte von 1910, die das erste Dragoner Regiment beim Ausmarsch zur Parade zeigt

Die Ritualisierung der militärischen Ausbildung im Paradezeremoniell
Das zeremonielle Herzstück des nationalen Militärkultes, die Truppenparaden vor dem jeweiligen Staatsoberhaupt, entstand als Ergebnis eines in der Frühen Neuzeit mit der Herausbildung stehender Heere einsetzenden Entwicklungsprozesses, in dessen Verlauf der militärische Drill zunehmend ritualisiert und seiner ursprünglichen kampftaktischen Funktionen beraubt wurde. (…)
Kernstück der Ausbildung war das formalisierte Exerzieren, bei dem einzelne Bewegungsabläufe – wie etwa das Nachladen der Gewehre oder das geordnete Vorrücken der Truppenverbände – auf Befehl der Vorgesetzten stereotyp durch die Soldaten eingeübt wurden. (…)

Die allmähliche Ritualisierung des Paradezeremoniells belegt auch der Bedeutungswandel, dem das Wort »Parade« in den deutschen Konversationslexika im 19. Jahrhundert unterworfen war. Dabei verschob sich der Gebrauch des Wortes von einem Synonym der »Revuen« immer stärker zu einer Bezeichnung der zunächst als »große Paraden« gekennzeichneten feierlichen Veranstaltungen mit ihrer stereotypen Zweiteilung in »Honneurs« (feierliche Begrüßung, Abschreiten der Front) und Vorbeimarsch der Verbände. (…)
Vor allem Kaiser Wilhelm II. legte (…) besonderen Wert auf diese militärische Beurteilung, da er die Paraden als zentrales Element bei der Erziehung der Rekruten zur militärischen Männlichkeit betrachtete. (…)
Die von Wilhelm II. formulierte Auffassung entsprang somit der in Militärkreisen bis ins 20. Jahrhundert verbreiteten Meinung, daß der formale Drill und die gleichgerichtete Bewegung der Soldaten unerläßlich für die Disziplin der Truppen sei und damit als Kernpunkt der militärischen Ausbildung angesehen werden müsse. (…)

Als am 1. September 1909 die Truppen zur alljährlichen Herbstparade des Gardekorps auf dem Tempelhofer Feld bei Berlin in Felduniform, also ohne die üblichen farbenprächtigen Paradeuniformen, erschienen, war die Verwunderung der zahlreichen Zuschauer außerordentlich groß. Einzelne Anwesende vermuteten sogar, es gäbe »gar keine richtige Parade, sondern ein großes Gefecht«, mit dem der Kaiser die Herbstmanöver beginnen lassen wolle. (…)

Eine weitere Ausnahme im Rhythmus der jährlichen Kaiserparaden bildete die preußische Garde, die als einziges Armeekorps der gesamten Monarchie jedes Jahr sowohl im Frühjahr als auch im Herbst zur Parade vor dem Kaiser antrat. Die beiden Frühjahrsparaden der Garnisonen Berlin und Potsdam sowie die große Herbstparade auf dem Tempelhofer Feld bei Berlin hoben die Gardetruppen deutlich gegenüber den anderen Verbänden des Reiches hervor, die nur alle sechs bis neun Jahre vor dem Kaiser defilierten. Diese Sonderstellung im Zyklus der Kaiserparaden hing eng mit der Rolle der preußischen Garde als monarchischer Eliteverband zusammen, welche sie mit ähnlichen Verbänden der europäischen Heere des 19. Jahrhunderts, etwa der kaiserlichen Garde im napoleonischen Frankreich, teilte. Ihr Elitecharakter äußerte sich dabei nicht nur in dem speziellen Rekrutierungsmodus der im ganzen Land streng ausgewählten Soldaten, sondern auch in ihrer besonders häufigen Inspektion durch den Kaiser. Entsprechend wurden die Gardesoldaten in preußischen Militärkreisen gerne »als die militairischen Repräsentanten der gesamten Monarchie« bezeichnet. Zudem bestand zwischen dem preußischen Herrscherhaus und der Garde eine persönliche Beziehung, die sich unter anderem darin äußerte, daß sämtliche männliche Mitglieder der Königsfamilie bereits in ihrem zehnten Lebensjahr zu Offizieren in einem Garderegiment ernannt wurden. Die Paraden in Berlin und Potsdam, an denen üblicherweise neben dem Kaiser auch die übrigen Mitglieder der Herrscherfamilie teilnahmen, dienten damit auch der rituellen Bekräftigung der engen Verbindung zwischen dem preußischem Königshaus und der Armee. Da überdies die Garderegimenter eine zentrale Funktion bei der Repräsentation der preußisch-deutschen Monarchie übernahmen, setzten die häufigen Militärfeiern in Berlin und Postdam ein deutliches Zeichen für die Ausrichtung des Armeekultes auf die Hohenzollern und die neue Reichshauptstadt. Der besondere Charakter der Paraden des Gardekorps äußerte sich auch in dem auffallenderen Erscheinungsbild der Veranstaltungen. Zwar unter schied sich der militärische Ablauf der Feierlichkeiten nicht wesentlich von dem allgemeinen Zeremoniell der Kaiserparaden, doch gaben die aufwendig gestalteten Uniformen des Gardekorps den Feiern ein besonderes Gepräge. Auch unterschieden sich die Soldaten der Garde von den Angehörigen der übrigen Regimenter durch ihre größere Statur, da diese ein entscheidendes Kriterium für ihre Rekrutierung für den Eliteverband darstellte. Vor allem besaßen die Paraden des Gardekorps aber durch die Entfaltung der gesamten Pracht der höfischen Repäsentation eine besondere Wirkung. So urteilte die »Vossische Zeitung« über die 1880 einige Tage nach der Parade der Garde auf dem Tempelhofer Feld veranstaltete Militärfeier des III. Armeekorps:
»War das Gesamtbild an und für sich auch prächtig, so glanzvoll wie am 1. September [bei der Parade des Gardekorps] war es doch nicht. Die packende Masse der sonst passierenden Generale, die fremden Fürstlichkeiten, die Hofequipagen mit den Vorreitern und der feurigen Bespannung, alles dies fehlt.« (…)

Die Truppen von der Parade zurückkehrend, Friedrichstraße, 1913, Eigene Sammlung

Die in Berlin und Potsdam veranstalteten Paraden erhielten ihre besondere Prägung nicht nur durch den Auftritt des Gardekorps, sondern auch durch die Anwesenheit einer Reihe von Personen, die als Mitglieder der sogenannten »Hofgesellschaft« die weitere Umgebung des Monarchen bildeten. Nach der zeitgenössischen Definition gehörten hierzu die in Berlin anwesenden Fürsten, hohen Militärs, Diplomaten sowie die diensttuenden Hofchargen. (…)
Allerdings handelte es sich bei dieser »Hofgesellschaft« – anders als ihre in der Forschung gebräuchliche Definition auf der Grundlage der Bestimmungen des »preußischen Hof-Rang-Reglements« suggeriert – nicht um eine konstante und klar abgegrenzte Gruppe, sondern um eine unbestimmte Zahl von Personen, die mehr oder weniger regelmäßig an den verschiedenen Hoffeierlichkeiten teilnahmen.Ihre Zusammensetzung war zudem trotz der über die Jahre gleichbleibenden Regelungen des »preußischen Hof-Rang-Reglements« keineswegs konstant. Am augenfälligsten war nach den Einschätzungen von Zeitgenossen insbesondere der Wandel, dem die Hofgesellschaft im Laufe der Regentschaft Kaiser Wilhelms II. aufgrund der Nobilitierung vieler bürgerlicher Beamter und Offiziere sowie durch die Zulassung einzelner bürgerlicher Industrieller und Millionäre unterworfen war. (…)
Da viele Mitglieder der Hofgesellschaft, wie der Berliner Polizeipräsident notierte, sich aufgrund des offiziellen Charakters der Feierlichkeiten »verpflichtet fühlten«, den Militärparaden beizuwohnen, mußte seine Behörde aber immer wieder Anfragen der Privatpersonen ablehnen. Die vom Polizeipräsidium ausgegebenen Zulaßkarten erlaubten es, im Wagen die Absperrungen um das Tempelhofer Feld zu passieren und so der militärischen Feier in der Nähe des Kaisers beizuwohnen. Da bis zum Jahre 1905 keine Tribüne auf dem Paradefeld existierte und auch sonst der Bevölkerung kein Zugang zu dem Geschehen gewährt wurde, waren die Wagenzuschauer über lange Zeit die einzigen Personen, die neben den an der Parade beteiligten Truppen und dem kaiserlichen Gefolge direkt das feierliche Geschehen verfolgen konnten und so die offizielle Öffentlichkeit« der Berliner Militärfeiern darstellten. Entsprechend aufschlußreich ist es, über die Akten der Berliner Polizeibehörde einen Einblick in die Zusammensetzung dieser Paradeöffentlichkeit zu erlangen. Nach Berechnungen des Polizeipräsidiums von 1890 lag der durchschnittliche Bedarf an Wagenplätzen pro Parade bei 280 Stück, von denen rund zwei Drittel von den verschiedenen in Berlin ansässigen Militärbehörden reklamiert wurde. Diese verteilten die ihnen zugewiesenen Karten an die ihnen unterstellten höheren Offiziere. Offensichtlich existierte jedoch keine genaue Regelung über die Zahl der auszugebenden Karten, da in Einzelfällen durchaus mehr als 280 Karten verteilt werden konnten. So wurden beispielsweise für die erste Parade des Gardekorps vor Kaiser Wilhelm II. im Herbst 1888 375 Karten vom Polizeipräsidium ausgestellt, da in diesem Fall eine besonders hohe Zahl nicht-militärischer Zuschauer das Geschehen direkt auf dem Paradefeld verfolgen wollte. (…)
So zeigt eine nach der beruflichen Position der Antragsteller gestaffelte Aufstellung der Berliner Polizei über die 275 Karten der Frühjahrsparade von 1890 folgendes Bild:
26 Hofchargen
4 »fremde Gesandtschaften« und Konsulate
42 Minister, Staatssekretäre und Botschafter
3 Militär
181 Beamte
16 Abgeordnete
4 Stadtverordnete und höhere städt. Beamte
2 Privatleute
16 »Damen«
1 Zeitungskorrespondenten (…)

Die militärisch-höfische Dimension der Berliner Paraden wurde zudem dadurch unterstrichen, daß von offizieller Seite die Zulassung breiter Kreise der Bevölkerung zu den Feierlichkeiten über lange Zeit abgelehnt wurde. Zwar konnte man Zuschauer nicht völlig von den Veranstaltungen fernhalten, doch sperrte die Polizei das Tempelhofer Feld so weiträumig ab, daß nur die Wagenzuschauer das Paradegeschehen direkt verfolgen konnten. Lag der ursprüngliche Zweck der polizeilichen Absperrungsmaßnahmen darin, die »militärischen Dispositionen« vor einer Störung zu bewahren, so führte die Absperrungslinie zu einer deutlichen räumlichen Trennung von militärisch-höfischer Feierlichkeit und schaulustiger Bevölkerung. Damit wurde ein »symbolischer Raum« geschaffen, der sich als »Paradefeld« strikt von dem allgemein zugänglichen Raum abgrenzte und nur von der kleinen Gruppe offizieller Zuschauer betreten werden durfte. (…) [1-Vogel]

Litho Berlin Tempelhof, Parade auf dem Tempelhofer Feld, 1899, Eigene Sammlung

Paradeshows

Die Militärrevuen vom 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Tempelhofer Feld waren noch ganz anders verlaufen als die späteren Paraden. Diese dienten in erster Linie nur der Inspektion der Regimenter durch den König und seine Generäle. Die ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Friedenszeiten regelmäßig stattfindenden Frühjahrsparaden Ende Mai und die Herbstmanöver und Paraden im September wurden gegenüber den alten Militärrevuen gleichzeitig zu einem Höhepunkt im kulturellen öffentlichen Leben der Stadt.

Der Aufmarsch führte dabei immer durch das Hallesche Tor über die Tempelhofer Straße. Die Breite des heutigen Mehringdamms erinnert noch immer an die Funktion dieser Straße. Nur wenige lehnten das militärische Massenspektakel so entschieden ab, daß sie ihm bewußt fernblieben. Nicht nur der Baedeker rühmte seinerseits das »unvergleichliche militärische Schauspiel« als touristische Attraktion. Darf man einem volkstümlichen Gedicht glauben, vergaßen die Zuschauer am Paradetag jeglichen Ärger des Alltags — es ging zu wie in Köln beim Karneval:

„Und wenn nu jar zur Herbstparade de Milliteers nach Temploh ziehn… schimpft ick ooch uf die Steuern jrade Voruf marschier‘ ick ohne Jnade, denn dafor stamm ick aus Berlin! „

Aus allen Berichten und anekdotenhaften Schilderungen ist immer wieder herauszuhören: Es lag viel an dem kurzweiligen Drumherum, daß die öffentliche Zurschaustellung künftiger Kriegsteilnehmer zu einem Volksvergnügen geriet. Die Kombination des Militäraufmarsches mit Bier, Bockwurst und Bouletten ließ den Paradeakt zu einem Höhepunkt des Berliner Freizeitlebens werden. Die Popularität der bunten Militäraufzüge wird noch verständlicher, wenn man bedenkt, daß es vergleichbare Großveranstaltungen mit Volksfestcharakter in Berlin nicht gab, weder religiöse Prozessionen noch Karnevalsumzüge. Schützenfeste waren schon lange verboten, und die einzige Konkurrenz, die großen Arbeiterdemonstrationen, oft ebenfalls. Ansonsten mußten bei diesen die Fenster geschlossen bleiben, Balkone durften nicht betreten werden und in der Straße selbst war dem Nicht-Demonstranten der Aufenthalt verboten.
Bestaunt bei dem Aufmarsch wurden die verschiedenen Aufmachungen der Regimenter in Glanz und Gloria.

Die Garde-Dragoner gehörten dabei zu den Star-Regimentern (im Volksmund wurden sie Trojaner genannt). Dies bewirkte nicht nur ihre kornblumenblaue Paradeuniform mit weißem Roßhaarbusch auf dem blinkenden Helm, gleichzeitig trugen sie durch ihr stolzes Auftreten ein hohes Selbstwertgefühl zur Schau. Ohnehin fühlten sich alle Kavallerie-Regimenter gegenüber den Fußtruppen als etwas besseres.
Berlins Kinder erhielten an Paradetagen schulfrei. Die Erlebnisse dieser Tage waren anschließend Gegenstand des Unterrichts. Auch Äußerungen im sozialdemokratischen Vorwärts blieben zwiespältig. Kritisiert wurden meist nur die Auswüchse des Paraderummels: »Die Herbstparade des Garde-Corps fand gestern in üblicher Weise statt. Unter dem Publikum, welches sich gestern früh in der Belle-Alliance-Straße aufgestellt hatte, um sich den Aufmarsch der Paradetruppen anzusehen, bewegte sich ein Postkartenhändler, der wie das Berliner Tageblatt meldete, ein neues zugkräftiges Empfehlungswort für seine Ansichtskarten in Anwendung brachte. Er rief nämlich: Meine Herren! Kaufen Sie die letzten Paradepostkarten vor dem ewigen Frieden! Dieser Schlagfertigkeit des Berliners wird der kommende Weltfrieden hoffentlich keinen Abtrag thun.

Die erbeuteten Fahnen auf dem Tempelhofer Feld, Postkarte 1913, Eigene Sammlung

«Die Parade als Inszenierung der Macht« erfüllte ihre Bestimmung. Die Frage, »warum« dieses so funktionierte, sollte unter anderem berücksichtigen: Das Monopol des Militärs auf eigene Bewegungsform, eigene Formation, eigenes Aussehen, eigenes akustisches Spektakel gab dieser Institution eine Identität, die zusätzlich durch die eigene Geschichtsschreibung in Preußen-Deutschland unvergleichlich war. Dagegen der Mensch, der, als Arbeiter oder Bürger im Aufbruch in die Moderne, sich seiner Identität immer wieder aufs neue versichern mußte. So mag es nicht verwundern, wenn nicht zuletzt die sinnliche und geistige Wucht der Militärshow, die in dieser Einheit Vollkommenheit vorführte, den Zuschauer faszinierte. Galt es bei dieser Inszenierung doch nicht, selbstkritisch um das Wissen, um den Menschen zu grübeln; hier war es die einfache Selbstsetzung von Stärke, die zum Mitfühlen aufforderte. [2 – Galli]

siehe auch:
https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/disziplin/
https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/leitfaden-zum-theoretischen-unterricht-fuer-das-koeniglich-preussische-garde-dragoner-regiment-1844/

CHOLERA-EPIDEMIE in Berlin im Jahre 1866

Bei der CHOLERA-EPIDEMIE in Berlin im Jahre 1866 erkrankten über 8000 Menschen, von denen 5457 starben.
Besonders betroffen war die Tempelhofer Vorstadt wie dem amtlichen Bericht zu entnehmen ist.

Auszüge aus dem Bericht (die alte Schreibweise wurde beibehalten):

Am härtesten wurde das 31. Revier betroffen, das den südlichsten Theil der Stadt einnimmt, in seiner ganzen Ausdehnung von dem Schifffahrtskanale begrenzt wird und größtentheils tief belegenen, stellenweise feuchten Erdboden hat, der da, wo Strassen angelegt sind, durch Aufschüttung erhöht ist. Nur ein geringer Theil des Reviers hat eine ältere Bebauung, ein grosser Theil, der bis dahin Ackerland war, ist erst in den letzten Jahren angebaut und noch im Anbau begriffen; ein anderer grosser Theil des Reviers besteht aus Ackerland und Kirchhöfen; von den letzteren liegen die älteren, aber auch jetzt noch im Gebrauch befindlichen rings um von angebauten Strassen umgeben.

Die Pflasterung und Kanalisirung der neu angebauten Strassen ist noch mangelhaft. In den Schifffahrtskanal münden viele Strassenkanäle. Die Bevölkerung ist, wenn sie auch in neuen Häusern von gutem Äusseren wohnt, doch grösstentheils den ärmeren Ständen angehörig; die Wohnungen der letzteren sind beschränkt. Wegen der mangelhaften Entwässerung finden sich, zur Aufnahme der flüssigen Abgänge auf vielen Höfen Senkgruben. Den Zustand der letzteren, so wie der Abtritte, Mistgruben, Kloaken und Rinnsteine schildert der Bericht der Revier-Sanitäts-Commission als äusserst unbefriedigend und den Boden vielfach vou schädlichen Stoffen imprägnirt. Da es dem Revier grösstentheils noch an Wasserleitung fehlt und die meisten, neu erbauten Hauser mit den für die Wasserleitung bestimmten Röhren versehen sind, so werden die Ausgüsse von den Bewohnern solcher Hauser nicht selten ohne jede Spülung benutzt.

Ein bestimmter Gang der Epidemie hat sich nach dem Berichte der Commission nicht nachweisen lassen, die Krankheit trat bald hier, bald dort auf, befiel in den meisten Hausern ohne nachweisbare Ursache eine Anzahl von Personen, verschonte daneben stehende, anscheinend denselben Verhältnissen ausgesetzte Häuser, liess in manchen Fallen auf Uebertragung schliessen, befiel aber auch Personen, die mit Kranken in keine Berührung gekommen waren. (…)

Das diese Bezirke umfassende Terrain ist erst in den letzten Jahren bebaut und bestand früher zum Theil aus feuchtem, niedrig belegenem Ackerland, durch die Anlage des Schifffahrtskanals ist diese Gegend allmählig immer mehr ausgetrocknet. Uebrigens muss bemerkt werden, dass die Epidemie nicht unmittelbar an dem Kanal, sondern vorzugsweise in Strassen und Häusern, die weiter von dem Kanale entfernt sind, sich festgesetzt hatte.

Die genaue Untersuchung solcher Krankheitsheerde liess häufig keine besonderen Schädlichkeiten wahrnehmen, am wenigsten aber den Nachweis führen, warum gerade diese Häuser vorzugsweise betroffen und andere, in jeder Beziehung ihnen ähnliche, benachbarte Hauser verschont waren.
Dennoch ist es für die Erforschung der Ursachen der Epidemie yon der grössten Wichtigkeit, von den Eigenthümlichkeiten der Orte, an welchen die Krankheit vorzugsweise ihren Sitz aufgeschlagen hat, möglichst genaue Kenntniss zu nehmen. Diess hat die Sanitits-Commission veranlasst, von den Physikern über die örtliche Beschaffenheit der theils in dem 31. Revier, theils in den übrigen Revieren wegen der grösseren Zahl vorgekommener Erkrankungen als Choleraheerde bezeichneten Häuser besonderen Bericht zu verlangen,

Diese Berichte, welche auf mehr als 100 Häuser sich beziehen und bei Besprechung der einzelnen Polizei-Reviere mitgetheilt werden, folgen hier zunächst für das 31. Polizei-Revier, und werden in gleicher Weise bei Besprechung der übrigen Reviere mitgetheilt werden.

Baruther Str. 8. Die Strasse ist nur an einer Seite bebaut und wird unreinlich gehalten, da sie von den Hauseigenthümern gereinigt werden muss, Die Nordseite bildet der Jerusalemer Kirchhof. — Auf dem Felde, an welches die Baruther Strasse mündet, wird Strassenkoth abgeladen; zu demselben Zwecke wurde früher vielfach das Terrain benutzt, auf welchem jetzt die Häuser der Baruther Strasse erbaut sind. Der vorhandene Strassenrinnstein hat, da er meist von Abgingen verstopft ist, schlechten Abfluss. Das Haus, auf sandigem Boden gebaut, ist 1864 bezogen worden, hat einen unterkellerten geräumigen und luftigen Hof mit einem Seitenflügel; keine Wasserleitung und keine Closets. Es ist ein Ausguss für das Wirthschaftswasser vorhanden. Die Entwässerung geschieht mittelst Zungenrinnstein nach dem Strassenrinnstein. Eine Senkgrube für die festen Abgänge ist nicht vorhanden, Von der gewöhnlichen Abtrittsgrube, die häufig geräumt wird, 26′ entfernt, liegt der Brunnen, der helles gutes Trinkwasser liefert. Im Hause wohnen 22 Familien von Arbeitern und Handwerkern, welche zwischen 40 und 180 Thlrn. Miethe zahlen und das Haus im Ganzen ziemlich reinlich halten.

Belle Alliance-Str. 88. Die Strasse ist sehr breit und durch einen unterirdischen Kanal mit dem Schifffahrts-Kanale in Verbindung. Vor dem Hause liegt eine Senkgrube. Das Haus ist 1859 bezogen, hat einen grossen luftigen Hof mit Seitepflügel und Quergebäude, keine Wasserleitung, keine Closets, sondern die gewöhnliche Abtrittsgrube. Die Entwässerung geschieht mittelst Zungenrinnstein ohne Schlammkasten nach dem Kanale. Der 20 Fuss vom Abtritt entfernte Brunnen giebt sehr gutes Trinkwasser, 33 Miether aus der arbeitenden Klasse zahlen 60—200 Thlr. Miethe. Das Haus wird sehr reinlich gehalten.

Gneisenau-Str. 4. Die Gneisenau-Strasse ist sehr breit, mit unterirdischem Kanal versehen und bis jetzt nur vor den Hausern No. 1—3 gepflastert. Die fernere Pflasterung ist in Angriff genommen. Das Haus No. 4 ist 1863 bezogen, hat einen grossen unterkellerten Hof, Seitenflügel und Quergebäude, Einrichtung zu Wasserleitung, von der, da Wasserzufluss nicht vorhanden ist, nur der Ausguss benutzt wird, und keine Waterclosets, sondern die gewöhnliche Abtrittsgrube. Die Entwässerung geschieht nach dem unterirdischen Kanale und ist der vorschriftsmässige Schlammkasten vorhanden. Der Brunnen steht 10—12 Fuss von der Abtrittsgrube entfernt und gibt ein helles, gutes, etwas hartes Trinkwasser. 25 Miether, meist aus dem Handwerker- und Arbeiterstande, zahlen 50—200 Thaler Miethe; in den einzelnen Wohnungen wohnen viele Personen bei einander. Das Haus wird im Ganzen reinlich gehalten und für häufige Reinigung der Gruben gesorgt.

Gneisenau-Str. 8. Das Haus ist 1864 hezogen, hat einen kleinen, rings umbauten Hof, keine Einrichtung zu Wasserleitung und keine Closets, sondern die gewohnliche Abtrittsgrube, von welcher 16—20 Fuss entfernt der Brunnen liegt, der ein sehr schlechtes, übel riechendes Trinkwasser liefert. Die Entwässerung geschieht durch eine Senkgrube. Sechsundzwanzig Miether aus dem Arbeiterstande zahlen 50—200 Thaler Miethe und halten das Haus sehr unsauber. Auch der Abtritt ist unsauber und wird selten gereinigt.

Hagelsberger Str. Franke’sches Haus. Die Hagelsberger Strasse ist noch nicht gepflastert und hat ein so unebenes Niveau, dass bei starkem Regen die Feuerwehr requirirt werden muss, um dem Wasser einen Abfluss nach der Belle Alliance-Strasse zu verschaffen. Ein schmutziger Rinnstein führt Abgänge und Tageswasser nach dem in der letztgenannten Strasse belegenen unterirdischen Kanal. Das Haus ist 1865 bezogen und hat einen kleinen, sehr schmutzigen Hof mit einem Quergebäude. Alle Wirthschaftsabgänge bleiben auf diesem Hofe, da in keiner Weise für Entwässerung gesorgt ist und selbst eine Senkgrube fehlt. Selbstverständlich ist Wasserleitung nicht vorhanden. Der etwa 10 Fuss von der gewöhnlichen Abtrittsgrube entfernte Brunnen gibt schlechtes Wasser. 10 Miether (Arbeiter) zahlen zwischen 40 und 120 Thir. Miethe. Dieselben sind sehr unreinlich. Auch der Abtritt ist sehr unsauber und die Grube wird selten entleert.

Hagelsberger Str. (Strass’sches Haus). Das Haus ist 1863 bezogen und hat einen grossen, luftigen, aber sehr schmutzigen Hof. Wasserleitung ist nicht vorhanden, wohl aber eine Senkgrube, in welcher sich die Wirthschaftsabgänge (flüssige wie feste) sammeln. Von der gewöhnlichen Abtrittsgrube 12‘ entfernt steht der Brunnen, der ein schlechtes Trinkwasser liefert. 10 Familien von Arbeitern geben 40—120 Thir. Miethe und halten das Haus im Ganzen reinlich. Die Abtrittsgrube wird nicht regelmässig, sondern nach Bedürfniss geleert.

Nostizstr. 15. Das Haus ist 1865 bezogen und hat einen grossen, luftigen Hof mit einem Seitenflügel. Wasserleitung ist nicht vorhanden. Die Entwässerung geschieht mittelst Zungen- Rinnstein, und ist ein Schlammkasten für festere Abgänge vorhanden. Der Brunnen ist 40′ vom Abtritt entfernt und gibt ein helles, gutes Trinkwasser. 20 Miether (Arbeiter) zahlen zwischen 40 und 100 Thlr. Miethe. Sie halten das Haus recht ordentlich und wird die Abtrittsgrube regel mässig geräumt.

Plan -Ufer 9. Das Plan-Ufer ist jetzt mit einem unterirdischen Kanal versehen, nach welchem hin die Häuser entwässert werden. Ausserdem sind Strassenrinnsteine und in den Häusern Senkgruben für festere Abgänge vorhanden. Die Häuser haben die Einrichtung zu Wasserleitung; es kann aber nur der Ausguss benutzt werden, da die englische Wasserleitung nicht bis über den Kanal geht. Es sind daher auch keine Waterclosets, sondern gewöhnliche Abtrittsgruben angelegt. Das Haus No. 9 ist 1865 bezogen, hat einen luftigen Hof mit einem Seitenflügel, gutes Trinkwasser aus einem etwa 15′ von dem Abtritt entfernten Brunnen, und wird von 22 Miethern aus dem Handwerkerstande bewohnt, die zwischen 50 und 250 Thlr. Miethe geben. Es herrscht im Hause Unsauberkeit und wird die Abtrittsgrube unregelmässig gereinigt.

Plan -Ufer 2. Das Haus ist seit 1863 bezogen, hat einen grossen, luftigen, zum Theil unbekellerten Hof, einen 30 Fuss vom Abtritt belegenen Brunnen; der ein weissliches, etwas trübes Trinkwasser liefert, und wird von 16 Miethern, meist aus den besseren Ständen, bewohnt, die 50 bis 400 Thlr. Miethe geben. Der Abtritt ist sehr unsauber und wird nur jährlich 3 mal geräumt.

Plan -Ufer 10. Das Haus Nr. 10 ist 1864 bezogen, hat einen grossen, unterkellerten Hof mit 2 Seitenflügeln, einen 25 Fuss von der Abtrittsgrube entfernten Brunnen, der gutes Trinkwasser liefert, und wird von 16, den besseren Ständen angehörenden Miethern (für 80 bis 200 Thlr. Miethe) bewohnt, die das Haus reinlich halten.

[Die Obentrautstraße, ältere Name der Straße war Teltower Straße (1862-1936)]

Teltower Str. 9. Die Strasse ist breit, hat einen guten Untergrund und wird durch gut fliessende Rinnsteine entwässert. Da die englische Wasserleitung nicht über den Kanal geht, besitzen zwar die meisten Häuser die Einrichtung zu Wasserleitung, können aber nur den Ausguss benutzen, da sehr wenige künstliche Wasserleitung besitzen. Das Haus, mit einem Seitenflügel und Quergebäude, ist theils alt, theils neu, hat einen grossen, ungepflasterten und schmutzig gehaltenen Hof, die gewöhnliche Abtrittsgrube und wird mittelst Zungenrinnstein und Schlammkasten nach dem Strassenrinnstein entwässert. Der etwa 40 Fuss vom Abtritt entfernte Brunnen hat gutes Trinkwasser. 45 Miether, aus dem Arbeiter- und Handwerksstande geben zwischen 30 und 150 Thlr. Miethe. Das Haus ist höchst unsauber, und wird die unreinliche Abtrittsgrube unregelmässig geräumt. In diesem Hause befindet sich keine Einrichtung zu Wasserleitung.

Teltower Str. 23. Das 1852 bezogene Haus hat einen grossen, geräumigen Hof mit einem Quergebäude und der gewöhnlichen Abtrittsgrube; es wird entwässert mittelst Zungenrinnstein und Schlammkasten nach dem Strassenrinnstein. Der vom Abtritt etwa 20 Fuss entfernte Brunnen gibt gutes Trinkwasser. Der Abtritt wird sehr reinlich gehalten und die Grube regelmässig ent leert. 32 Miether aus dem Arbeiterstande geben 50 bis 120 Thlr. Miethe und halten das Haus recht sauber.

Teltower Str. 24. Das 1858 bezogene Haus hat einen grossen Hof mit einem Seitenflügel und Quergebäude. Es wird von 24 Miethern (Arbeitern und kleinen Beamten) bewohnt, die zwischen 50 und 120 Thlr. Miethe zahlen und deren Reinlichkeit viel zu wünschen übrig lässt.

Teltower Str. 47. Das Haus ist ein altes, ohne Anlage zu Wasserleitung, hat einen grossen, unreinlich gehaltenen Hof mit einem Seitenflügel und Quergebäude und wird von 26 Miethern aus dem Arbeiter- und kleinen Beamtenstande bewohnt, die zwischen 60 und 180 Thlr Miethe zahlen und auf Ordnung sehen. Der Abtritt ist reinlich gehalten und wird die Grube regelmässig geräumt.

Teltower Str. 51. Das Haus ist 1860 bezogen und hat einen grossen, freien, reinlich ge haltenen Hof. Es wird von 12 sehr ordentlichen und reinlichen Arbeiterfamilien bewohnt, die 60 bis 130 Thlr. Miethe zahlen. Der Abtritt ist sauber und wird regelmässig gereinigt.

Teltower Str. 52. Das seit 1860 bezogene Haus hat einen grossen, freien Hof mit einem Seitenflügel, der sehr schmutzig gehalten wird, und ist Wasserleitung in demselben nicht vorhanden. 18 Handwerkerfamilien zahlen zwischen 80 und 120 Thlr. Miethe. Sie halten das Haus unreinlich. Im Seitenflügel ist ein Schlachthaus für Federvieh, in welchem es sehr schmutzig aussieht. Auch der Abtritt ist unreinlich gehalten und wird die gewöhnliche Abtrittsgrube nach Bedürfniss entleert.

Teltower Str. 55b. Das 1865 bezogene Haus hat einen langen, zum Theil unterkellerten Hof mit einem Seitenflügel und Quergebäude. Es besitzt künstliche Wasserleitung, aber keine Closets, sondern die gewöhnliche Abtrittsgrube. 24 Miether, meist Arbeiter und Handwerker, zahlen zwischen 80 und 120 Thlr. Miethe und sind ordnungsliebend. Der Abtritt ist reinlich und wird die Grube regelmässig entleert.

Teltower Str. 60. Das seit 1865 bezogene Haus hat einen grossen unterkellerten Hof mit zwei Seitenflügeln und einem Quergebäude. Der Brunnen liegt 50 Fuss vom Abtritt entfernt und gibt ein gutes Trinkwasser. 22 Miether (meist Handwerker) zahlen zwischen 50 und 150 Thlr. und halten das Haus reinlich. Auch der Abtritt ist sauber gehalten.

Yorkstr. 6. Die Yorkstr, hat einen sumpfigen Untergrund (ein Theil des früheren Upstalls), ist ungepflastert, nur auf der Nordseite bebaut und ohne Rinnsteine. Das Haus ist seit 1866 bezogen, hat einen geräumigen, luftigen Hof, der unterkellert ist, mit einem Seitenflügel und einem kleinen Garten, nach welchem hin die Entwässerung des Hauses geschieht. Es ist zwar die Anlage zu Wasserleitung vorhanden, aber nur der Ausguss kann be nutzt werden, weil die englischen Zuflussröhren über den Kanal nicht fortgeführt sind und eine Einrichtung, um Wasser künstlich bis in die oberen Stockwerke zu leiten (durch Pumpwerk) nicht vorhanden ist. Es ist die gewöhnliche Abtrittsgrube vorhanden, von welcher 30 Fuss entfernt der Brunnen liegt, der klares, gutes Wasser liefert. 20 Miether aus dem Arbeiterstande zahlen zwischen 50 und- 150 Thlr. Miethe. Das Haus ist sehr unreinlich, und wird die Abtrittsgrube nur entleert, wenn sie gefüllt ist.

Yorkstr. 7. Das Haus ist 1865 bezogen, hat einen grossen, luftigen Hof (mit einem Seiten flügel), der unterkellert ist, und die gewöhnliche Abtrittsgrube, von welcher 30 Fuss entfernt der Brunnen liegt, der ein trübes, schlechtes Wasser liefert. Die Entwässerung geschieht mittelst Zungenrinnstein in eine vor dem Hause befindliche Senkgrube. Eine kleinere, im Hofe, für die festen Abgänge ist vorhanden. 25 Miether (Arbeiter und Handwerker) zahlen zwischen 30 und 240 Thlr. Miethe. Das Haus wird ziemlich reinlich gehalten und die Abtrittsgrube alle drei Monate geleert.

AUS:
DIE CHOLERA-EPIDEMIE ZU BERLIN IM JAHRE 1866. AMTLICHER BERICHT ERSTATTET IM AUFTRAGE DER KÖMGLICHEX SANITÄTS-COMMISSION V0N DEM GEHEIMEN MEDICINAL- UND REGIERUNGS-RATHE K E. H. MÜLLER. MIT EINEM KOLORIRTEN, DIE AUSBREITUNG DER EPIDEMIE DARSTELLENDEN PLANE. BERLIN. VERLAG VON TH. CHR. FR. ENSLIN. (ADOLPH ENSLIN.) 1867. S 13-19

Industrialisierung

Modernisierung war (…) zweihundert Jahre lang gleichbedeutend mit Industrialisierung. Das, was wir »moderne Gesellschaft« nennen und im 18. Jahrhundert in Europa und Nordamerika entstanden war, ist untrennbar mit der industriellen Revolution verbunden, welche die Agrarwirtschaft verdrängte. Adam Smith hat 1776 in ‚Der Wohlstand der Nationen‘ als erster Ökonom diesen tiefgreifenden Wandel skizziert. Ermöglicht durch technische Erfindungen, durch die Freisetzung der ländlichen Bevölkerung und durch eine arbeitsteilige und effiziente Organisation der Produktion in den neuen Fabriken breitete sich im 19. Jahrhundert Schritt für Schritt in Europa und Nordamerika die industrielle Produktion als Herzstück der sich modernisierenden Gesellschaft aus.

Die Standardisierung der Güterproduktion, die Arbeitsteilung, die Urbanisierung sowie die neuen politischen Kämpfe, die vor allem von den sozialistischen Bewegungen und der Industriearbeiterschaft initiiert wurden, sind ihre wichtigsten Merkmale. Man vergisst es heute leicht: Der Prozess, in dessen Verlauf die Industriegesellschaft die Agrargesellschaft verdrängte, dauerte immerhin anderthalb Jahrhunderte.
Karl Marx, der ein großer Theoretiker der kapitalistischen Industriegesellschaft war musste sich Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem Londoner Exil anhören, sein Blick sei auf ein marginales Phänomen gerichtet – denn tatsächlich arbeitete zu seiner Zeit noch die Mehrheit der Briten in der Landwirtschaft oder als Dienstpersonal, wohingegen die Industrieproletarier in Manchester und anderswo lediglich eine kleine Minderheit bildeten! (1 – Reckwitz )

Wie läßt sich nun der Prozeß der Industrialisierung in eine knappe Formel fassen?

Die Definition, mit der wir arbeiten, lautet: Industrialisierung ist der säkulare Prozeß wirtschaftlichen Wachstums unter den Bedingungen zunehmender Mechanisierung, Arbeitsteilung und Intensivierung des Kapitaleinsatzes, ein Prozeß, in dessen Verlauf es zu den skizzierten tiefgreifenden strukturellen Wandlungen in allen Bereichen der Gesellschaft kommt. Im weltgeschichtlichen Maßstab setzte die Industrialisierung um die, Mitte des 18. Jahrhunderts in England ein. In Deutschland waren gewisse Anlaufphänomene — regional und punktuell — seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu beobachten, das eigentliche Durchstarten der Industrialisierung mit dem sog. take off setzte – vergleichsweise spät –im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts ein; sie gewann aber dann rasch an Fahrt und entfaltete bis zum Ende des Jahrhunderts eine immense Dynamik.

Die Industrialisierung stellt in dieser Perspektive zweifellos einen der »Basisprozesse« und gleichsam den Motor der »gesellschaftlichen Evolution« dar.- Sie baut ihrerseits auf bereits länger in Gang befindlichen Teilprozessen der Modernisierung auf, die schon angesprochen wurden — die wissenschaftlich-rationale Durchdringung der natürlichen Welt, die naturrechtliche Idee eines auf freie Selbstbestimmung angelegten Individuums, die Legitimierung politischer Herrschaft aus der Vernunft, die tendenzielle Auflösung ständischer Formen der Vergemeinschaftung und die statusbegründende Macht individueller Leistung, die Formulierung eines bürgerlichen Eigentumsbegriffs und dergleichen mehr. In der Industriellen Revolution verbinden und potenzieren sich diese Teilprozesse, neue Entwicklungen treten hinzu — zuvörderst auf dem Gebiet der Technik. Die kapitalistische Wirtschaftsweise gelangt zu vollem Durchbruch und unterwirft immer größere Teile der Gesellschaft den ganz eigenen Gesetzen ihrer nur auf Gewinnakkumulation gerichteten unerbittlichchen Zweckrationalität.

Aus all dem ergeben sich Sekundärprozesse, welche das, was wir als Modernisierung bezeichnen, weiter vorantreiben und beschleunigen; da sind zu nennen:
— grundlegende Veränderungen im strukturellen Verhältnis der Wirtschaftssektoren, also in erster Linie der Rückgang und Bedeutungsschwund der Landwirtschaft und, damit gekoppelt, der Aufschwung der gewerblichen und industriellen Produktion;
— große Wanderungsbewegungen, die sich vor allem in Verstädterung und Urbanisierung niederschlagen, und, daraus hervorgehend, eines der wichtigsten und kennzeichnendsten Phänomene der Moderne überhaupt: die Großstadt.
— das Aufkommen neuer, marktabhängiger Klassen und Funktionsgruppen in der Gesellschaft, in erster Linie der Industriearbeiterschaft sowie eines >neuen Mittelstandes( der Angestellten, welche die vielfältigen Administrations- und Steuerungsfunktionen wahrnehmen, die in den aufkommenden industriellen Großbetrieben anfallen
— die durch den technischen Fortschritt ermöglichte und zugleich bedingte Verdichtung und Beschleunigung von Kommunikation und Verkehr

Watt’s Dampfmaschine in schematischer Darstellung

(…) Die Umsetzung des Prinzips der Dampfmaschine in einer Vielzahl von Verwendungen in Verbindung mit der Ausbeutung fossiler Energieträger wie der Steinkohle erschloß dem Menschen beinahe unerschöpfliche Potentiale nutzbarer Energie, die zu vergleichsweise geringen Kosten verfügbar waren.
Der wichtigste Initialfaktor im Industrialisierungsprozeß auf der Basis dieser Technologie war zweifellos die Revolutionierung des Verkehrswesens durch die Eisenbahn. Man muß ja bedenken, daß dem Menschen von den frühesten Anfängen seiner Kulturgeschichte bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts für seine Fortbewegung zu Lande nur Tierkräfte zu Gebote standen. Das Pferd bestimmte und begrenzte sowohl die Geschwindigkeit wie die Reichweite seiner horizontalen Mobilität. Indem diese durch die dampfgetriebenen Lokomotiven aus ihrer organischen Beschränkung gelöst wurde, veränderte sich von Grund auf das Verhältnis des Menschen zum Raum und zur Zeit. Die Mechanisierung der Fortbewegung durch die Eisenbahn war der erste und in seinen Auswirkungen auf Mentalität und Kultur der folgenreichste Schritt in der kapitalistischen Emanzipation des Menschen aus den Schranken der organischen Natur. Jahrhundertelang konstante Raumwahrnehmungen von Reisenden und Maßstäbe der Entfernung und der Dauer, die ganz bestimmte Formen des Sehens und Erlebens von Landschaften und Städten geprägt hatten, waren damit quasi von einem Tag auf den anderen überholt. (2 – Bauer)

siehe auch:

https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/geschichte-der-eisenbahn/

https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/entwicklung-der-eisenbahn-in-berlin/

Die moderne Wohnungsnoth: Signatur, Ursachen und Abhülfe, Ernst Engel 1873

Titelblatt Die moderne Wohnungsnoth, 1873

Die Ausarbeitung des Bebauungsplanes für Berlin, – richtiger des Straßenplanes von Berlin, – ohne daß diese Straßen wirklich angelegt wurden, hat eine große Zahl von Flächen zwar nicht der Bebauung erschloßen, denn die Straßen existierten nur auf dem Papier, wohl aber hat er den Inhabern dieser Flächen Veranlassung gegeben, Baustellenpreise dafür zu fordern, und er hat somit zur Preissteigerung der Baustellen wesentlich mitgewirkt.

Bebauungsplan für Berlin und seine Umgebungen von 1862

Nach seinem Hauptverfasser, dem Baumeister für Wasser-, Wege- und Eisenbahnbau James Hobrecht, wird er Hobrecht-Plan genannt. Es handelte sich um einen Fluchtlinienplan, der festlegte, welche Grundstücke bebaut werden durften und welche für Straßen und Plätze freizuhalten waren. Er ist so etwas wie die Matrix der kaiserzeitlichen Großstadt geworden, man spürt es bis heute, wenn man durch HobrechtPlan-Gelände geht.

Ausschnitt: Bebauungsplan für Berlin und seine Umgebungen von 1862

Hobrecht und seine Mitarbeiter im Kommissarium zur Ausarbeitung der Bebauungspläne skizzierten nach ausführlichen Kartierungsarbeiten zwei Gürtelstraßen, die Berlin, Charlottenburg, Teile von Reinickendorf, Weißensee, Lichtenberg, Rixdorf und Wilmersdorf umfassten. Im Westen, Norden und Osten lag der äußere Gürtel viel weiter von der Stadtmauer entfernt als im Süden, weil dort ältere Pläne eingearbeitet wurden. Die Radialstraßen kreuzten Chausseen. Der zu bebauende Raum zwischen ihnen wurde in Quartiere von etwa fünfzigtausend Quadratmetern geteilt, wobei jedes Quartier zum Zentrum einen grünen Platz erhalten sollte. Ring-, Verbindungs- und Nebenstraßen unterschieden sich in ihrer Breite. Vorgesehen waren rechteckige und quadratische Baublöcke verschiedenen Zuschnitts, die sich an der Bebauung der südlichen Friedrichstadt und der Luisenstadt orientierten.“ (…)
Eine prägnante Idee Lennes übernahm Hobrecht für seine Gürtelstraße im Süden, die Folge von breiten Straßen und Schmuckplätzen, die als «Generalszug» bekannt wurde: Gneisenaustraße – Yorckstraße – Wahlstattplatz – Dennewitzplatz – Bülowstraße – Nollendorfplatz – Kleiststraße – Wittenberg-platz. Der Wahlstattplatz sollte zwischen den Gleisen der Potsdamer und der Anhalter Bahn entstehen, doch setzten sich auch diesmal die Eisenbahngesellschaften durch; der Straßenverlauf musste geändert werden, die Yorckstraße überspannten mehrere Eisenbahnbrücken, im Laufe der Jahre wurden es fünfundvierzig. Der Schriftsteller Johannes Trojan sprach 1903 von der «Gegend der vielen Brücken». Wenige Häuser, Holz- und Kohlenplätze und mehrere Kneipen zierten das Straßenstück, das unter acht Brücken der Potsdamer und Anhaltischen Bahn hindurchführte: «Zur Warnung für Rosselenker ist am Ende der Bülowstraße eine Tafel errichtet mit der Aufschrift: Es fahren aber unaufhörlich Züge über die Brücken mit Donnergetöse, das dem unter ihnen hinwandelnden Wanderer durch und durch geht .»(…)
Die neue Bauordnung von 1853 forderte zwar auch ausreichend Luft und Licht, legte die erlaubte Minimalgröße der Hinterhöfe jedoch allein nach Feuerwehrgesichtspunkten fest. Damit die Feuerspritzen wenden konnten, mussten die Höfe 5,34 Meter lang und 5,34 Meter breit sein. Die zulässige – Gebäudehöhe richtete sich nach der Straßenbreite. Kellerwohnungen waren nicht verboten. Die Bauordnung des Großen Kurfürsten hatte den Wandel vom Giebelhaus zum traufständigen Stockwerkshaus, dem sich ohne Lücke ein weiteres anschloss, befördert. Der Bauordnung von 1853 und ihrer Ausnutzung durch Geschäftstüchtige verdankten die Berliner zu enge Hinterhöfe, Schalltrichter, in die kaum Licht drang. (1 – Bisky)

Bebauungsplan für Berlin und seine Umgebungen von 1862

[Der Hobrecht-Plan hat zusammen mit der Baupolizeiordnung von 1853] die unsoziale bauliche Entwicklung Berlins zur größten Mietskasernenstadt der Welt verursacht. Unter Mißachtung der Erfahrungen anderer Großstädte geht Hobrechts Plan, noch auf ausdrücklichen Wunsch Friedrich Wilhelms IV., von dem für Berlin ganz unpassenden Vorbild des Pariser Stadt- und Bebauungsplanes aus. Den Pariser Boulevards sollen die Ringstraßen entsprechen. So entsteht eine nur schwache, ärmlichere und den Berliner Bedingungen nicht angepaßte Kopie dieses Planes. Bis weit in die ehemalige Feldmark hinaus konzipiert, bleibt Hobrechts Idee viele Jahre nur auf dem Papier und gibt damit den Grundbesitzern die Gelegenheit zu umfangreichen Spekulationen und maßlosen Bodenpreissteigerungen. 1872 stellt der Statistiker Ernst Engel fest: »Auf zwei Meilen im Umkreis von Berlin ist sämtliches Land in die Hand von Baustellenspekulanten übergegangen, ohne daß an eine Bebauung dieses Landes auf Jahre hinaus zu denken wäre. « Im Vergleich zu London liegen die Berliner Bodenpreise zu dieser Zeit acht- bis zehnmal höher. Und daher wird jeder Quatratmeter ausgenutzt und statt in die Breite vor allem in die Höhe gebaut. So entstehen dann vor allem nach 1870 massenhaft Mietskasernen. (2 – Bauer)

Vogtland um 1846

Die Obdachlosigkeit ganzer Familien ist in der Regel nur von kurzer Dauer. Sie sind nicht imstande, sich lange, wenn sie bis dahin herabgesunken, dem Auge der Gesellschaft und ihrer beauftragten Organe zu entziehen. Die nächste Stufe zur Obdachlosigkeit einer Familie ist das Wohnen derselben in den vielerwähnten Familienhäusern des Vogtlandes. Diese großen, nackten Gebäude, welche dem Jammer, der Verzweiflung und dem Verbrechen zur Zuflucht dienen, sind nicht etwa, wie man mannigfach geglaubt hat, Wohltätigkeitsanstalten, im Gegenteil, sie sind – charakteristisch für die Zustände unserer Zeit – auf Spekulation erbaut worden. In diesen fünf Häusern vor dem Hamburger Tore wohnen 16- bis 1800 Seelen. Die Häuser sind für 80 000 Taler erbaut, der Besitzer fordert gegenwärtig 200 000 Taler für dieselben. Man zahlt in denselben für eine Stube – welche häufig von mehr als einer Familie bewohnt wird – 24 Taler Miete, ist noch ein finsteres Loch zum Kochen dabei, 36 Taler.
Das Kapital verzinst sich gegenwärtig zu 12 Prozent. Die Pfennige der schrecklichen Armut müssen eine reiche, bequeme Existenz düngen, und wer nach Ablauf des Monats nicht zu dem richtigen Termin die allerdings nur kleine Mietsumme bezahlen kann, der wird augenblicklich und ohne weitere Umstände in seiner Nacktheit mit seinem zitternden Weibe, mit seinen hungernden Kindern auf die Straße geworfen, «exmittiert», wie es in der Sprache der berlinischen Hauseigentümer heißt. Und das ist nur allzuhäufig das Los unseres kleinen Handwerkertums, welches sich jahrelang, vom Morgen bis zum Abend, ohne zu ruhen und zu rasten, abgemüht hat, die Konkurrenz eines großen Fabrikanten zu ertragen, und durch die Macht des Kapitals und unglückliche Familienereignisse so tief gestürzt wurde.

zuerst erschienen auf dem AUGUSTSTRASSEN-BLOG am 2013-10-10