Einblicke in Berliner-Wohnungselend 1901-1920

Die Aufnahmen sind Teil einer Wohnungsuntersuchung, die die Berliner Ortskrankenkasse für den Gewerbebetrieb der Kaufleute, Handelsleute und Apotheker (ab 1914 die AOK) von 1901 bis 1920 bei ihren Patienten durchgeführt hat. Ziel des Unternehmens war es, durch wissenschaftlich fundierten Nachweis und Veröffentlichung des bereits längst erkannten Zusammenhangs zwischen Wohnen und Krankheit zu einer Veränderung der Verhältnisse beizutragen. Dazu schreibt der Geschäftsführer der Ortskrankenkasse und Herausgeber der Enquete, Albert Kohn: «Eine Besserung schlechter Zustände kann nur eintreten, wenn man die bestehenden Mißstände aufdeckt, wenn man sie an das Licht des Tages zerrt, damit klar sichtbar wird, wo eingesetzt werden muß, um eine Wendung zum Bessern herbeizuführen.» (Wohnungs-Enquete, 1906)

Friedrichstraße 263, unterm Dach, 1904
Grossbeerenstraße 6, Vorderhaus im Keller, 1905
Blücherplatz 1, 1906
Blücherstraße 13, 1906
Kreuzbergstraße 49, 1911
Möckernstraße 115, 1915/16
Nostitzstraße 41, linker Seitenflügel im Keller, 1917

Aus der Enquete wissen wir, daß die Kassenmitglieder in der verkommenen Altstadt, größtenteils aber in den neu aus dem Boden gestampften Mietskasernenvierteln gewohnt haben, in dunklen, oft genug feuchten, schmutzigen und stickigen Räumen, bisweilen ohne Heizung, ohne Licht und Lüftung, voll Ungeziefer, Pilzbefall und übler Gerüche; mit Abort auf dem Treppenpodest oder auf dem Hof, benutzt von mehreren Mietparteien, nicht selten bis zu 45 Personen; mit Schlafräumen, in denen häufig fünf, sechs oder mehr Personen die Nacht verbringen mußten, nicht selten zu dritt in einem Bett, darunter Schlafgänger und Kranke.(…)

Wohnungsfrage und gesellschaftliche Entwicklung in Preußen-Deutschland

Bis zur Wende zum 20. Jahrhundert wird insbesondere das Wohnungselend der großstädtischen Arbeiterbevölkerung in Deutschland zum beherrschenden sozialpolitischen Thema. Die Ursachen dieser Entwicklung liegen vor allem im Wachstum der Bevölkerung bei gleichzeitiger Binnenwanderung vom Land in die Städte – in Preußen wird das weitgehend eine Ost-West-Wanderung.

In Berlin wächst die Bevölkerung: von 197717 Einwohnern im Jahre 1815 auf 702437 im Jahre 1867. In den Vororten beginnt etwa um die Jahrhundertmitte ein rapides Wachstum. Die damit verbundenen Probleme werden zunächst mit liberalem Optimismus und dem Glauben an ein «Durchgangsstadium» heruntergespielt. Erst durch die Gründerjahre und den Gründerkrach in den siebziger Jahren schärft sich die Problemwahrnehmung. Die breite öffentliche Diskussion kann jedoch den weiteren Anstieg der Bevölkerungsziffern nur relativ hilflos registrieren: 1905 zählt Berlin 2040148 Einwohner; in Charlottenburg wächst die Bevölkerung zwischen 1867 und 1905 von 14 999 auf 239559, in Rixdorf von 19 956 auf 153513, in Wilmersdorf von 1748 auf 63568 usw. 1910 hat Berlin schon 2071257 Einwohner, Charlottenburg zählt 305978. Diese beiden Städte stehen auch an der Spitze der Bewohnerzahl pro Gebäude im Deutschen Reich. Kommen in Bremen auf ein Gebäude nur 7,83 Bewohner, so sind es in Berlin 75,90 und in Charlottenburg 66,13 !
(…)

  1. Die herrschende liberale Doktrin fordert Beschränkung des Staates auf (Bau-) Polizei und Regulierung des Realkredits. Die Versorgung mit Wohnungen ist nicht Angelegenheit staatlicher Wohlfahrtspolizei, sondern des Marktes. Das schrankenlose Privateigentum an Grund und Boden ist die Regel, Wohnungsbau und Wohnungsgestaltung erfolgen unter dem Aspekt der Maximierung der Renditenicht nach den Bedürfnissen der Bewohner, Standards für diese fehlen. Die Hausbesitzer, in der kommunalen Selbstverwaltung dominierend, erfreuen sich zunehmend steigender Bodenrenten auf Kosten der besitzlosen Lohnarbeiter.
  2. Die Verknappung von Wohnraum und Verteuerung von Grund und Boden wird durch die von der kommunalen Selbstverwaltung ausgehende Stadtplanung (inklusive «Stadtsanierung») verschärft.
    Der Kultus der Straße, wie ihn Rudolf Eberstadt genannt hat, wird zum herrschenden Leitbild. Die Straße dient nicht der vorteilhaftesten, besten und billigsten Aufteilung von Wohngelände, sondern von der Straße aus und für die Straße in ihrer Pracht werden die Städte gebaut. Dahinter stehen bürgerliches Imponiergehabe («feudale Imitation») und das Vorbild Napoleons III: In Paris hatten sich die winkligen Altstadtgassen als gefährlich erwiesen, hier wurden die besten Revolutionsbarrikaden errichtet. Die breite Straßenflucht war auch sonst prophylaktisch sinnvoll: Pflasterung und Kanalisation hinderten üble Gerüche und Insektenschwärme, Übergriffe von Seuchen und Feuersbrünsten auf die bürgerlichen Häuser. Der Kultus der Straße ergreift nicht nur die Altstadt, sondern beherrscht auch die Stadterweiterung. Seine Konsequenz ist die Mietskaserne.
    «Der Kultus der Straße bietet das erste Mittel, um – infolge der Überwälzung der Straßenkosten auf die Baustelle – die Verteuerung des Bodens und somit den Zwang schlechter Bauformen hervorzubringen. Die teurere Straße verlangt als Gegenleistung die Zusammendrängung der Bevölkerung durch Stockwerkshäufung.

Während äußerlich die Straße eine stattliche Bauweise vortäuschte, entstanden das Vielwohnungshaus und die Mietskaserne mit ihren schlechten Wohnverhältnissen, denen als notwendige Begleiterscheinung die ungünstigen Wirkungen für die Wohnungsproduktion und die Bodenwertentwicklung hinzutraten.
Die Mietskaserne hat hinter dem Vorderhaus nicht mehr nur Nebengebäude, sondern gleichhohe, also vier- bis sechsgeschossige Seiten- und Hinterhäuser. Dadurch entstehen die typischen lichtarmen oder gar lichtlosen Hinterhofwohnungen. Die Wohnungen differierten zusätzlich nach Stockwerken: Im 1. und 2. Stock des Vorderhauses mit protziger Straßenfassade gab es komfortable Wohnungen mit herrschaftlichen Wohnmöglichkeiten: Vom 3. Stock an aufwärts und zum Hinterhaus zu verringerten sich Wohnungsgröße und -qualität rapide. Zu Luft- und Lichtmangel kam die ungenügende sanitäre Ausstattung, viele Wohnungen hatten weder fließendes Wasser noch Ausguß und schon gar keine eigene Toilette. Dabei hatten städtische Wasserleitung und Kanalisation die vielgeschossige und enge Bauweise erst ermöglicht. Angesichts solcher Umstände mußte die Rendite-Orientierung legitimiert werden. (…)

Pferd und Krieg (2) – Das Pferd im Ersten Weltkrieg

Die Rekrutierung für den Miltäreinsatz

Große Teile der Armeeführungen hatten sich von der Idee verabschiedet, Tiere könnten eine entscheidende Rolle im Krieg außer als Lastenträger spielen (…), der operative Nutzen der Kavallerie wurde angezweifelt. Zu verlockend waren die technischen Möglichkeiten, die Militärangehörige immer schon fasziniert hatten. Panzern, der Telegraphie, Automobilen und Motorrädern – ihnen schien die Zukunft der Kriegführung zu gehören.
Das war im Prinzip keine falsche Erkenntnis – nur war man vorschnell zu ihr gelangt. Denn noch besaßen die Armeeeinheiten keine flächendeckende zuverlässige technische Ausstattung. Noch fühlten sie sich – insbesondere nach den Erfahrungen der ersten Kriegswochen – bewogen, tierische Eigenschaften zu nutzen. Dabei verfügten die Militärbehörden bei Kriegsausbruch nicht über die nötigen tierischen Ressourcen, sondern mussten sich der Unterstützung ziviler Züchter und Eigentümer versichern bzw. ihre Bestände durch Zukauf aufstocken. Dies war zuvor schon in Friedenszeiten nicht ungewöhnlich. Eine mehr oder weniger enge Kooperation zwischen militärischen Akteuren und ziviler Sphäre, die man unter dem Begriff der Selbstmobilisierung der Zivilisten fassen kann, ist dann mit Kriegsausbruch in allen beteiligten Staaten zu beobachten. (…)

Aushebung der Pferde in Berlin, Plakat

Dass es im Deutschen Reich zu einem Engpass an Pferden mit erheblichen Versorgungsproblemen kam, zeigte sich schon früh. Hatte die Aushebung der Pferde bei Kriegsausbruch noch weitgehend reibungslos funktioniert, so sahen sich die deutschen Militärbehörden schon nach wenigen Wochen genötigt, weitere Aushebungen anzuordnen. Denn immer mehr Tiere kamen bei den neu aufgestellten Einheiten zum Einsatz. Je mehr Menschen und Material mobilisiert wurden, desto größer wurde auch der Bedarf an Reit- und vor allem Zugpferden. Denn die Materialmengen mussten transportiert werden, was insbesondere in Frontnähe
ausschließlich mit Hilfe von Tieren geschah.
Auch in der heimischen Landwirtschaft mangelte es an Gespannpferden, wie verschiedene Debattenbeiträge im Reichstag belegen. (…)
Da die Mobilität und Kampfkraft sämtlicher Armeen mehr oder minder stark von Pferden abhing, hatten sich gewisse logistische Rekrutierungswege eingespielt. Denn nur ein Teil der für die Kavallerie oder als Zugtiere verwendeten Pferde kam aus eigenen Militärgestüten. Über das gesamte 19. Jahrhundert hinweg gab es auch in Friedenszeiten regelmäßige Pferdevormusterungen, die der Musterung wehrpflichtiger Rekruten ähnelte. Jeder Pferdebesitzer war verpflichtet, seine Tiere zu einem bestimmten Termin in seiner Heimatgemeinde vorzuführen und durch eine Militärkommission mustern und erfassen zu lassen.
In den heereseigenen Remontedepots wurden neu eingekaufte junge Pferde versammelt, welche für den späteren Heeresdienst vorgesehen waren. Häufig handelte es sich um unbeschlagene Pferde, die zum Heer kamen und daher neuausgerüstet werden mussten. Vor allem aber galt es, sie der militärischen Befehlsstruktur einzupassen und entsprechend zu schulen.(…)

An der Front

Auch für viele Tiere bedeutete der Kriegseinsatz zunächst einmal tage- und oft nächtelange Bahnfahrten in Waggons, die alles andere als artgerecht zu nennen waren. Im Westen versammelten sich die Regimenter auf grenznahen Truppenübungsplätzen, wo auch den Pferden einige Stunden der Ruhe zukamen. Schon der Bahntransport und der Ritt zum einstweiligen Rastplatz hatten die Tiere geschwächt. Dann ging es weiter in Richtung belgischer Grenze. Im günstigsten Fall war man auf die Massen an Pferden vorbereitet und hatte Futtervorräte herangeschafft. Es muss nicht betont werden, dass das nicht immer gelang und sich schon in den ersten Einsatztagen ein Problem offenbarte, das über vier Jahre hinweg den Einsatz der Tiere prekär werden ließ: die Versorgung mit genügend nahrhaftem Futter. Anfangs erschien dies noch als Organisationsmangel, der überwunden werden konnte. Später stellte sich das Problem als strukturelles Defizit dar.

Dass man im Zeitalter einer rapide fortschreitenden Technisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch auf Pferde zurückgreifen musste, war den meisten Militärstrategen klar. Unterschiedliche Ansichten gab es vor allem über die Art des Einsatzes. In Deutschland stand die Kavallerie im Zentrum einer scharfen Auseinandersetzung zwischen konservativen und reformorientierten Kräften. Wie wichtig sollten künftige Kavallerieeinsätze sein? Sollte man sie stärken und ihre militärstrategische Bedeutung noch erhöhen – oder sollte man sich nicht langsam von der Vorstellung verabschieden, mit Reitern in die Offensive zu gehen?

„Wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt“, Postkarte Eigene Sammlung

Vermehrung oder Verringerung – auf diese Frage spitzten sich die Diskussionen zu. Dabei war die zahlenmäßige Entwicklung der berittenen Einheiten während der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg in den meisten Staaten weitgehend stabil. In Deutschland verfügten die Kavallerieeinheiten zwischen 1873 und 1913 über einen Bestand zwischen 69 000 und 70 000 Tieren. (…)

Schon bald mussten Strategen wie der Militärhistoriker Friedrich von Bernhardi jedoch einsehen, dass der von ihnen bevorzugte »Kampf mit der blanken Waffe« im verminten und von Schützengräben durchzogenen Schussfeld der Maschinengewehre anachronistisch wirken musste.

Postkarte Eigene Sammlung

Trotzdem behielten die Militärbehörden zunächst sogar die Ausstattung der Kavallerie mit Lanzen bei, die bei Nahgefechten in vorherigen Kriegen gute Dienste geleistet hatten. Doch für die Realität des modernen industrialisierten Krieges, wie er an der Westfront stattfand, waren sie – anders als gelegentlich an der Ostfront – ziemlich ungeeignet. Hier halfen eher Gewehre, die die Kavallerie dann aber in die Nähe der berittenen Infanterie rückte, die Pferde nur zur Fortbewegung, nicht aber für das eigentliche Gefecht nutzte.

siehe auch:

https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/die-lanze-und-die-geschichte-des-schocks/

https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/pferd-und-krieg-1/

https://geschichtsmaterialien.roarchiv.de/pferd-und-krieg-3-die-publizistischen-rueckzugsgefechte-der-deutschen-kavallerie-seit-1918-auszug/

Zur Geschichte des Panzers

Renault-Tank „Moskito“. Die Situation der Insassen ist unklar. Klar ist, wie die Geräte zu bedienen sind.

… Capitaine de Poix notierte: “ ..oft habe ich unsere Infanterie mit sehr großer Begeisterung in den Angriff fahren sehen, und dann plötzlich wurde sie durch ein unerwartetes Maschinengewehr niedergemäht, so daß das Schlachtfeld in wenigen Minuten mit Leichen bedeckt war.“
Dieser tapfere Capitaine hatte dann eine geniale Idee, um die Stellung der Truppen auf dem Schlachtfeld zu sichern. Er entwarf „gepanzerte Fahrzeuge für jedes Gelände“, und seit dem 25. November 1915 forderte er die Herstellung dieses neuen Fahrzeugtyps in großer Zahl. Am 31. Januar 1916 ließ man 400 Sturmwagen bauen, und sobald sie auf dem Schlachtfeld erschienen,war ihr psychologischer Effekt enorm, und die Generäle verlangten diese „kleinen fahrbaren Festungen“ sehr bald zu Tausenden von der Rüstung, diesen neuen technischen Gegenstand, der so perfekt ein strategisches Denken vollendete, das von der fixen Idee des großen Friedrich „Siegen, heißt avancieren!“ besessen war.